Geschichte zu Grabe getragen


Der historische Friedhof an der Gnadenkirche verfällt immer mehr: Rettung dringend geboten
Geschichte zu Grabe getragen
Über 200 Jahre dokumentiert — Eine große Aufgabe für den Denkmalschutz in der Stadt

Von unserem Redakteur Arthur Lamka
Bergisch Gladbach — Geschichte, evangelische Gemeindegeschichte, heimatliche Industriegeschichte und Stadtgeschichte ist vor bald 200 Jahren mitten in der Stadt zu Grabe getragen worden. Eine Stadt Bergisch Gladbach gab es damals noch nicht. Der kleine Friedhof, nur wenige Schritte von der Gnadenkirche entfernt, stellt mit seinen Grabmälern ein einzigartiges Dokument dar. Bergisch Gladbach ist nicht eben reich an solchen Zeugnissen der Vergangenheit. Umso mehr ist zu beklagen, daß dieser historische Friedhof im Schatten hoher Bäume seit Jahren verfallen ist. Er ist zu einem Trauerfall in dieser Stadt geworden. Es ist höchste Zeit, daß Initiativen ergriffen werden, diesen Friedhof unter Denkmalschutz zu stellen und mit Hilfe der öffentlichen Hand in einen Zustand zu versetzen, der der Würde des Ortes und der Bedeutung in der Stadtgeschichte entspricht.
Die Gräber sind mit Unkraut überwuchert, die Grabsteine zu einem erheblichen Teil zerstört, Wappen und Inschriften beschädigt, Kreuze sind umgestürzt, einige Grabsteine bestehen nur noch aus Bruchstücken, andere werden bald ganz verschwunden sein, weil sie überwachsen sind. Der Zaun, der den kleinen Totenacker umschließt, ist ebenso wie ein Mäuerchen an mehreren Stellen beschädigt. Der Orkan Wiebke, hat dem Friedhof zusätzlichen Schaden zugefügt Ein umgestürzer Baum, der inzwischen beseitigt ist, soll auch Grabmäler betroffen haben, war zu erfahren.
"Vorher nach Mülheim"
Der Friedhof ist so alt wie die Evangelische Gemeinde Bergisch Gladbach selber. „Was dieser Ort des Friedens einmal für unsere Gladbacher Vorväter bedeutet haben mag, wird deutlich wenn man sich vor Augen hält, daß vorher ihre Toten immer nach Mülheim gebracht werden mußten." So hieß es in einer Festschrift zum 200jährigen Bestehen der Evangelischen Gemeinde 1975. Der damalige Pfarrer Dr. Hochstetter hatte es sich stets angelegen sein lassen, den kleinen Totenacker neben der Kirche in einem würdigen Zustand zu erhalten. „Er ist ja so etwas wie ein Herzstück der Gemeinde", sagte der seit 1978 im Ruhestand lebende Pfarer auf Anfrage des „Kölner Stadt-An- zeiger" und wünschte sich, daß er als ein Ort des Friedens wiederhergestellt werden möge. Im November 1983 hat die Bergisch Gladbacherin Elfriede Bickenbach, heute 90 Jahre alt, erstmalsin einem Beitrag für den „Kölner Stadt-Anzeiger" so etwas wie eine Bestandsaufnahme gemacht.  „Da die ältesten Grabsteine auf dem Friedhof fast 200 Jahre alt sind, ist die Verwitterung schon weit fortgeschrittewn, und so dürfte es von einigem Wert sein, das gerade noch Entzifferbare festzuhalten." Ihr Appell ist damals ungehört verhallt.
Liebevoll hat sie sich bemüht, Namen, Daten und Inschriften zu dokumentieren. Es sind die Namen der bekannten Papiermacherfamilien von Bergisch Gladbach: Fauth, Zanders, Fues, Schnabel, Wachendorff, Poensgen und Maurenbrecher. Aber auch andere Bürgernamen sind dort zu finden wie Paas.
Hofrath Fauth, der erste Maire von Bergisch Gladbach, ruht hier ebenso unter einem Stein wie Johann Wilhelm Zanders, der Begründer der Papiermacherdynastie Zanders. Es sind die Namen derer, wie der frühere Pfarrer Ludwig Rehse (1866-1922) in seiner Pfarrgeschichte festhielt, „die durch Stiftung und persönliche Opferdie Gründung dieses Friedhofs im Jahre 1777 erst ermöglichten". Die Grabmäler sind in ihrer bildhauerischen Gestaltung wie in der Aussage von großem historischem Wert.
Der jetzige Pfarrer, Dr. Schneider-Harpprecht, beeilte sich in diesen Tagen, auf den Zustand des Friedhofs aufmerksam gemacht, die dringendsten Pflegearbeiten machen zu lassen. Man habe erst die durch den Orkan verursachten Baumschäden beseitigen müssen, sagte er und betonte, daß er die Bedeutung des Friedhofs für die Gemeindegeschichte genau erkenne, deshalb mache er jeweils mit Konfirmanden Besuche auf dem Friedhof, aber die Instandhaltung sei mit dem Budget, das der Gemeinde zur Verfügung stehe, nicht zu gewährleisten.
Der historische evangelischeFriedhof muß zu einem Fall der Denkmalpflege werden. Sonst ist bald nichts mehr von ihm zu sehen. Der Landeskonservator ist hier gefragt. Wie beim Kulturamt zu erfahren war, sind bisher der alte Friedhof Sand (Ommerborn) sowie die Grabmäler des österreichischen und französischen Friedhofs in Bensberg unter Denkmalschutz gestellt. Es werde auch eine Erhebung über weitere Friedhöfe durchgeführt.
Renate Zanders, vom „Kölner Stadt-Anzeiger" auf den Zustand des alten Friedhofs und der Grabmäler der Firmengründer aufmerksam gemacht, versicherte nach einer Ortsbesichtigung: „Es werden Mittel für die Wiederherstellung zur Verfügung gestellt. Pfarrer Dr. Schneider-Harpprecht ist gebeten worden, unverzüglich Kostenvoranschläge einzuholen." Private Initiative, vielleicht der Nachfolgefamilien der einstigen Papiermacher, sowie die öffentliche Hand können gemeinschaftlich ein Kulturdenkmal der Stadt retten.

NICHT MEHR ZU RETTEN sind Grabmale wie dieses, das völlig auseinandergefallen im Unkraut liegt.

WAPPEN UND INSCHRIFTEN der alten Grabsteine sind zerstört und unleserlich. Bald werden sie ganz vernichtet sein.
Bilder: Günter Möllinghoff

DER GRÜNDER DER PAPIERMACHERDYNASTIE Zanders, Johann Wilhelm Zanders, ruht unter dem Grabmal (rechts). Die Nachbargräber sind zerstört.

KEIN GELD zur Erhaltung: Pfarrer Schneider-Harpprecht.

Quelle: 
KStA-19900425 (Kölner Stadt-Anzeiger)
Freigabe: 
Freigegeben durch Kölner Stadt-Anzeiger mit email vom 27.4.2011 für den BGV Rhein-Berg