Die Vergangenheit wird aufgedeckt


Die Vergangenheit wird aufgedeckt
Die Nonne Liutuuig ist die erste urkundliche Einwohnerin der Kreisstadt

Bergisch Gladbach (x )- Mit einem weiteren Arbeitsbericht hat der von der Stadt beauftragte Privatgelehrte Dr. Gerd Müller die ersten hundert Jahre nach der Rodung im Raume des heutigen Stadtgebietes abgeschlossen. Es war dabei notwendig, stellenweise über die heutigen Stadtgrenzen hinauszugreifen, um aufzuzeigen, wie die Stadt innerhalb des heimischen Raumes langsam zu einem selbständigen Gemeinwesen wurde.
1. 910-949. Gebhards Sohn Udo rodet im Raume Odenthal. Der Herrenhof wird nach ihm benannt. Beim Herrenhof entstehen eine Kirche, eine Mühle und ein Pfarrhof. Als Entschädigung erhalten die hofhörigen Mitarbeiter Land zu Lehen. Es entstehen die Lehngüter Menrath und Hofe (= Höffe). In der Allmende am Heidborn (= Hebborn) entsteht eine „Sennhütte", die Romaney (von Romen = Sahne). Der Hof Nithheim (Nittum) war bei dieser Rodung bereits vorhanden und gehörte einem freien Franken.
2. 915. Graf Reginhar I. stirbt. Merheim fällt an seine Tochter Kunigunde,    verheiratet    in 1. Ehe: Wigerich (902 bis 919); verheiratet in 2. Ehe: Richwin (919 bis 923). Die Herrenhöfe Gladbach und Saal mit ihren Lehngütern und die Burg Bensberg fallen an Reginars ersten Sohn, Giselbert II.
3. 915. Durch die Rodungen Udos und die Erbteilung in diesem Raum wird das Porzer Grafengericht mit 15 Schöffen besetzt. Udo schickt 7 Schöffen, Giselbert II. ebenfalls und Kunigunde einen. Die Abgrenzungen Merheims gegenüber den Hofverbänden zu Gladbach und Saal werden durch eine „Hardt" gekennzeichnet.
4. 915-918. Rodebeginn in Sulsen (= Immekeppel). Giselbert II. schickt von Bensberg eine Schar zur Rodung aus. Sie baut in Sulsen einen Herrenhof mit Mühle. Einer Kirche bedarf es nicht - sie steht bereits in Refrath. Als Entschädigung für die Mitarbeit erhalten die Hofhörigen Land zu Lehen. Es entstehen die Lehngüter Külheim und Hurderode (= Hurden). An der Sülz wird ein Flußübergang gebaut (= aquaductu = Altenbrück).
5. 915-922. Die Bewohner der Höfe Saal, Refrath, Lückerath, Gladbach, Gierath, Duckterath, Bensberg, Sulsen, Külheim und Hurden gehören in die Kirche zu Refrath. Die Holzkirche (von 855 bis 877) wird zu klein. Giselbert II. läßt daher in Refrath um die Holzkirche herum eine größere Steinkirche bauen.
6. 915-939. Der Kölner Dompropst läßt in Paffrath Töpferöfen errichten. Die Töpfer werden „artifices" (= Künstler) genannt. Die im Ofen gebrannte Ware wird auf ihre Qualität getestet. Das geschieht an der Prüfbank (= Selkoren) zu Dünwald.
7. 919-923. König Heinrich I. überträgt dem Grafen Richwin von Verdun (zweiter Ehemann der Kunigunde; siehe Nr.2) den Raum um Herkenrath zur Rodung. Der neue Roderaum wird gegenüber Gladbach durch das Rommerscheidt begrenzt.
8. 919-943. Kunigundes Sohn Gozelo (aus erster Ehe) erbt 919 Merheim. Er baut dort eine neue Grundherrschaft auf. Der Hof Merheim wird zum Herrenhof. Bei ihm errichtet er eine Kirche mit Pfarrhof und einen Mühlenhof an der Strunde. Es entstehen die Merheimer Lehngüter zu Brück und Strunden.

Kirche entsteht in Herkenrath

9. 921-922. König Heinrich L überträgt den Raum um Flohkeppel an die sächsischen Brüder Walfrid und Humfrid, die dort roden. Gleichzeitig überträgt Heinrich I. den Raum Acheren (= Overath) an den Bischof Balderich von Utrecht.
10. 922. Durch die Landvergabe des Königs ist der Roderaum Giselberts II. nun ringsum begrenzt. An allen Grenzen finden sich „Scheidt"-, „Hardt"- und „Hagen"-Namen, sowie zahlreiche als Allmende genutzte „Heiden".
11. 922-928. Giselbert II. reserviert sich seinen Wald beim Salhof für die Jagd und den Fischfang. Das geschieht durch „Einforstung". Den Sachsenkönigen zur Kenntnisnahme, wer hier der Herr ist, erhält die Einforstung den Namen „Frankenforst".
12. 922, August 11. Das Privatland des Lehnhofes zu Duckterath fällt durch Schenkung an die Kölner Kirche. Die aus Duckterath stammende Nonne Liutuuig ist die erste urkundlich nachweisbare Einwohnerin im heutigen Stadtgebiet von Bergisch Gladbach.
13. 922-939. Giselbert II. läßt neue Lehngüter anlegen: Beim Salhof entsteht das Lehngut Hummelsbroich, beim Gladbacher Hof entstehen die Lehngüter zu Gronau und am Quirl (mit den Feldern an der „Jüch"), beim Sulserhof entsteht das Lehngut Untersteeg. Die zu dauernder Burghut in Bensberg Verpflichteten werden dort außerhalb des Burgberings in kleinen Häusern (= Burgsessen) angesiedelt. Auf der Burg befindet sich eine Kapelle.
14. 923-944. Richwin, der zweite Ehemann Kunigundes, ist gestorben. Der Sohn Otto aus dieser Ehe erhält den Raum Herkenrath, wo er rodet. In Herkenrath entstehen ein Herrenhof mit Kirche und Pfarrhof. Die Mühle wird an der Strunde (= Herrenstrunden) errichtet. Als Entschädigung für die Mitarbeit erhalten die Hofhörigen Land zu Lehen. Es entstehen die Lehngüter „Scivelbusch" ( = Schiff) und „Arena" (= Sand). Zum Schutz seiner Grundherrschaft baut Otto nördlich des „Beerenbroichs" (= Bärbroich) am Durschbach die „Feste Beerenkubbe".
15. 928. Giselbert II. heiratet die Tochter Gerberga des deutschen Königs Heinrich I. Giselbert wird Herzog von Lothringen.
16. 936, Juli 2. König Heinrich I. stirbt. Nachfolger wird sein Sohn, König Otto I. Zu diesem Zeitpunkt gehört der Raum Acheren (= Overath) dem Bischof Balderich von Utrecht, der Raum Hohkeppel den Brüdern Walfrid und Humfrid, der Raum Herkenrath dem Grafen Otto (= Sohn von Richwin und Kunigunde), der Raum Odenthal dem Grafen Udo, der Raum Merheim dem Grafen Gozelo (= Sohn von Wigerich und Kunigunde), der Raum Paffrath der Kölner Kirche. Dort ist Wichfried Erzbischof. Er ist ebenfalls ein Sohn von Wigerich und Kunigunde, mithin der Bruder des Grafen Gozelo (von Merheim). Der Raum Refrath - Gladbach -- Bensberg - Immekeppel gehört Giselbert II., dem Herzog von Lothringen.
17. 939, August 18. Giselbert II. hat sich gegen seinen Schwager, König Otto I., erhoben. Es kommt zur Schlacht bei Andernach. Giselbert II. ertrinkt im Rhein. Er hinterläßt einen minderjährigen Sohn Heinrich. Seine Witwe Gerberga heiratet den Franzosenkönig.
18. 939-940. König Otto I. ernennt den Grafen Otto (von Herkenrath, siehe oben Nr.14) zum Herzog von Lothringen und zum Vormund für den kleinen Heinrich, den Sohn Giselberts II. Der kleine Heinrich erbt hier den Gesamtbesitz seines Vaters.
19. 939-958. Der Kölner Dompropst läßt seinen Herrenhof zu Paffrath befestigen. Man baut einen steinernen Turm, den „Bergvrede"    Berfert).
20. 943. Graf Gozelo (von Merheim, siehe Nr. 16) stirbt. Nachfolger in Merheim wird Gozelins Sohn Gottfried.
21. 944. Herzog Otto (siehe Nr. 14 und Nr. 16, 17, 18) stirbt kinderlos. Die Grundherrschaft Herkenrath fällt an Gottfried, dem bereits Merheim gehört. Auch der kleine Heinrich, der Sohn Giselberts II, stirbt.
22. 944. Erbteilung des Besitzes des kleinen Heinrich. Erbberechtigt sind die Kinder von Reginhar II., dem Bruder Giselberts II. Bensberg und Gladbach fallen an Reginhar III. (Sohn von Reginhar II., Neffe von Giselbert Saal und Sulsen fallen an die mit Nevelong in der Betau verheiratete Schwester Reginhars III. Da aber Nevelong 943 verstorben war, geht jetzt das Erbe Saal/Sulsen auf den Sohn Rudolf in der Betau über. Die Abgrenzungen werden durch „Scheidt"- und „Heide"-Namen gekennzeichnet. Die Abgrenzung des Frankenforstes, der nun Rudolf in der Betau gehört, geschieht durch den Scheidtbach und den Scheidtbusch in Heidkamp.
23. 944. König Otto I. ernennt Konrad den Roten aus Franken zum Herzog von Lothringen. Reqinhar III. macht daher einen Aufstand. Im Namen des Königs werden die Kastelle Reginhars III. (darunter wohl auch Bensberg) durch Herzog Hermann von Schwaben besetzt. Reginhar III. gibt nach.
24. 944-947. Graf Rudolf in der Betau befestigt seinen Salhof am Frankenforst. Baubeginn an der Hochmotte (Kippekausen).
25. 944-958. Rudolf in der Betau legt neue Lehngüter zu Nallingen, Bech und Frielinghausen an. Reginhar III. läßt einen Lehnhof bei Gladbach bauen, den Hof „am Grewel" (Grwel = der Dachs).
26. 947-951. Reginhar III. läßt eine Kirche mit Pfarrhof zu Bensberg bauen. Kirche und Pfarrhof entstehen bei den „Burgsessen" (siehe Nr. 12). Die Kirche ist der Gottesmutter Maria geweiht. Die Hintersassen von Bensberg und Gladbach müssen sich nun der Marienkirche Reginhars III. in Bensberg bedienen.
27. 949-958. Graf Udo (von Odenthal) ist 949 gestorben. Nachfolger ist sein Sohn, Graf Heribert von der Wetterau. Er beginnt mit dem Bau der Burg Berge.

Quelle: 
KStA-19711211-nr288-s16 (Kölner Stadt-Anzeiger)
Freigabe: 
Freigegeben für BGV durch Kölner Stadtanzeiger mit email vom 08.12.2010