Dichter, Denker und die Kuh im Busch: Von Combüchen zur Kierspel-Straße


Dichter, Denker und die Kuh im Busch: Von Combüchen zur Kierspel-Straße
Wegweiser in die Historie
Nicht alle Bezeichnungen sind schon erklärt Eine aktuelle Liste fehlt

Von Karin M. Erdtmann
Bergisch Gladbach — Eigentlich war er auf der Jagd, doch als Kurfürst Jan Weilern die Wälder rund um Lückerath durchstreifte, galt sein Interesse plötzlich ganz anderen Dingen. Der hochadelige Waidmann war auf eine Quelle kohlensäurehaltiges Wasser gestoßen. Das Wasser vom „Hillige Pützchen", wie die Flur in Lückerath heißt, mundete dem Landesherren so sehr, daß er sich die sprudelnde Flüssigkeit fortan bei seinen Besuchen in Bensberg auf das Schloß bringen ließ.Von 1909 bis 1922 wurde das Mineralwasser mit dem Namen „Fürstenbrünnchen" sogar mit Erfolg in den Handel gebracht.
Später versiegelt
Die Zapfstelle wurde später versiegelt, doch die Geschichte des wohltuenden Wässerchens vom „Hillige Pützchen" blieb auf dem Straßenschild lebendig: Am Fürstenbrünnchen steht dort schwarz auf weiß. Die Bedeutung der Straßennamen erschließt sich jedoch nicht überall so leicht. Wer weiß schon, warum er ausgerechnet In der Flade, im Kotzfeld, in Duckmaus oder Juck wohnt? Eine komplette Erklärungsliste für das gesamte Stadtgebiet gibt es bis heute nicht. Wer genau wissen möchte, wo er wohnt, muß sich ans städtische Archiv wenden. Und auch dort sind die Unterlagen alles andere als auf dem neuesten Stand.
Das aktuellste Verzeichnis stammt aus dem Jahre 1965. Aus ihm geht hervor, daß zu den alten Orts- und Flurbezeichnungen wie An der Lohe oder Büchel nach und nach verdiente Mitbürger aufs Schild gehoben wurden. Dabei begnügte man sich zunächst mit dem Vornamen der Geehrten: „Jeder kannte ja jeden und man wußte sehr wohl, welcher Johannes, Jakob oder Theodor da gemeint war." Nach dem Zweiten Weltkrieg bekamen viele Straßen in der Stadt die Namen von Sozialreformern und Geisteswissenschaftlern.

Märchen- und sagenhafte Namen
Während einige Siedlungen märchen- und sagenhafte Namen wie „Zu den sieben Zwergen" oder „Elfenpfad" bekamen, wurden andere Bereiche nach Flüssen, Vögeln oder ostdeutschen Städten benannt. Die Akkumulation von „artverwandten" Bezeichnungen hat auch ihre Vorteile: „Bei manchen Straßen weiß man schon, wo sie liegen, ohne auf den Stadtplan gucken zu müssen", meint Hans Titz, der Leiter des Vermessungsamtes.
In der letzten Zeit ist die Stadt dazu übergegangen, Hinweise unter den Schildern anzubringen, die beispielsweise erklären, wer der Namenspatron war und wann er gelebt hat. „Aber hier haben wir noch einen großen Nachholfbedarf", gibt der städtische Pressesprecher Peter Schlösser zu. Zusätzliche Hinweise geben einige Heimatbücher sowie das Straßenverzeichnis aus den 60er Jahren.
Kuh des kleinen Mannes
Dort erfährt der Leser zum Beispiel, daß Am Gänschenwald keine Gänse, sondern „Geißchen", die Kuh des kleinen Mannes, geweidet wurden, daß es am Wapelsberg (Worbelsberg = Waldbeerberg). Waldbeeren in Hülle und Fülle gab und daß die Sandhügel dem „Kamelsbuckel" den Namen gaben. Als während der Continentalsperre Napoleons Akazienbäume für die Zukkergewinnung angezapft wurden, nannte man den Weg, an dem viele dieser Bäume standen, Am Zuckerberg. An der Jüch, so vermuten die Forscher, ist ein alter Hof- und Flurname, der darauf hinweist, daß das Gelände stark dem Wind ausgesetzt war und Combüchen soll soviel wie Kuh im Busch, also Waldweide, bedeuten.
Wer hinter dem Greuel mittelalterliche Folterkammern vermutet, liegt falsch. Der Name soll von „Grewel" kommen und auf den kieshaltigen Boden hinweisen. Am Heiligenstock soll einst ein Baumstumpf (Stock) mit einer Heiligenfigur gestanden haben und beim Kaltenbroich handelt es sich nach dem städtischen Verzeichnis um ein trockengelegtes Tal des oberen Lerbach mit auffallend niedriger Temperatur. Als „Aehlemaar" bezeichnete man eine mit Erlen bewachsene Sumpfstelle und die Hornstraße leitet sich von der mundartlichen Bezeichnung „Ho'ensjaß" ab (Hohn = Hagen = Wald am Hang). Sie führte zu einem bewaldeten Hang.
Den Kradepohl würde man heute mit Krötenpfuhl übersetzen, der Pannenberg bekam seinen Namen von den dort hergestellten Tonpfannen und die Öhmchenstraße weist auf Wilhelm Kierspel hin, der im Volksmund „et Ühmchen", also Oheimchen genannt wurde. Die Reuterstraße diente einst den Reitern als Verbindung zwischen den Schlössern Benrath und Bensberg und vom Rheinhöhenweg konnte man an guten Tagen bis zum Siebengebirge und zur Hohen Acht schauen. Der Sonnenweg zeichnet sich, wie könnte es anders sein, durch seine besonders sonnige Lage aus, die Schneppruthe muß einst ein beliebter Versammlungsort von Schnepfen gewesen sein und Schlodderdich steht für einen „Teich in der Schluchter Heide". Den Schlagbaumweg benutzte man in alten Zeiten, um den Wegezoll zu umgehen und die Trotzenburg erinnert an einen während der Regentschaft Engelbert II. errichteten Stützpunkt gegen den Raubadel, die sogenannten „Schnapphähne".
Über die Herkunft ist man sich bei manchen Straßenbezeichnung bis heute nicht einig. Immer wieder eröffnen sich neue Aspekte. Als jüngst ein Zirkus seinen Veranstaltungsort „Saalamühle" schrieb, nahm dies der dort tätige Schwimm-Meister zum Anlaß, darauf hinzuweisen, daß die Mühle nicht an der Saale gelegen habe, sondern nach der Familie Saaler benannt worden sei, die Saaler Mühle also eigentlich zusammen geschrieben werden müßte. Aber wie heißt es schon in dem Verzeichnis von 1965: Straßennamen, die „dem weithin verdrängten bäuerlichen Element zugehörig sind, wirken vielfach nur noch gesucht und erweisen sich oft als unverstanden oder gar verstümmelt".

JAN WELLEM AUF DEM RITT: So kennt ihn das bergische Volk. Das bronzene Reiterstandbild von Gabriel Grupello war für Schloß Bensberg bestimmt, jetzt steht es in Düsseldorf auf dem alten Rathausplatz.

HIER TRANK EINST der Fürst aus dem Brünnchen — daher der Straßenname „Am Fürstenbrünnchen".

Quelle: 
KStA-19860802-nr177-rn13 (Kölner Stadt-Anzeiger)
Freigabe: 
Freigabe erteilt für BGV durch KStA mit email vom 9.12.2009