Das Märchen mit dem guten Ende


Das Märchen mit dem guten Ende
Es diente als Kaserne, Lazarett und Schule, bis es einer Ruine glich: Bald erstrahlt das einstige Jagdschloß erneut

Von Matthias Niewels
Es war einmal ... So beginnt auch das Märchen von der Prinzessin, die in einem verwunschenen Schloß wachgeküßt wurde. Das hochherrschaftliche Anwesen war nach 100 Jahren natürlich ein wenig heruntergekommen. Am Ende aber wurde alles gut, denn Dornröschen ist nun einmal ein Märchen. Vielleicht wurde auch in Schloß Bensberg eine Schwester von Dornröschen geküßt. Denn in das etwas heruntergekommene Gebäude ist ebenfalls Leben zurückgekehrt – derzeit in Form von Baggern, Gerüsten. Staub und Lärm. Am Ende soll das Schloß in alter, neuer Schönheit erstrahlen. Und alles wird gut, wie im Märchen.
Uni in die Wirklichkeit zurückzukehren: Das Anfang des 18. Jahrhunderts erbaute Schloß wird restauriert. Das klingt für viele Bensberger allerdings wie ein Märchen. Denn der schöne, viel gepriesene, herrlich gelegene, architektonisch bedeutende Bau war fast schon eine Ruine. 1997 wollte die Stadt Bergisch Gladbach das Schloß nicht einmal geschenkt haben. „Dieses Ding ist unverdaulich", sagte Stadtdirektor Hans-Joachim Franke. Kurz darauf hat das Land das Anwesen für zehn Millionen Mark an die Aachen-Münchener Lebensversicherung/Immobilien GmbH verkauft. Ausschlaggebend für den Zuschlag sei die „finanzielle Solidität und Seriosität" gewesen, erklärte das NRW-Finanzministerium.
Was aber tun mit einem Schloß dieser Größenordnung? Rund 160 Millionen Mark dürfte allein die Sanierung kosten. Deswegen spricht die Versicherung auch von einer „langfristigen Kapitalanlage". Im Haupttrakt des Schlosses baut sie ein Luxushotel mit 80 bis 100 Zimmern. Dazu kommen noch ein Tagungs-, Business- und Fitness-Center, sowie Sauna und Schwimmbad. Vor allem für Gäste der Kölner Messe und als Tagungsort für große Wirtschaftsunternehmen ist das Hotel konzipiert. In den Seitenflügein und denkmalgeschützen Gebäuden im Park werden 160 Senioren-Wohnungen errichtet. Außerdem sind als Neubauten weitere 160 Eigentumswohnungen und ein Kindergarten auf dem Gelände vorgesehen.
Mit dem Schloß soll also Geld verdient werden – dafür wird es zum Leben erweckt. Kurfürst Jan Wellem, der einstige Bauherr, hätte sich das sicherlich nicht träumen lassen. Er wollte ein Jagdschloß haben. Und dafür war ihm fast nichts zu teuer. Sein Architekt, Maetto' Graf de Alberti, schufeinen Prachtbau, der hinter europäischer Konkurrenz nicht zurückzustehenbraucht – so sehen das Kunstexperten heute.
Militärs sind selten Kunstexperten und haben ihre eigenen Vorstellungen. Französische Generäle nutzten das schöne Bensberger Schloß als Lazarett für die Soldaten Napoleons – und sogar als Gefängnis. Wandgemälde wurden zugemauert, Bilder und Möbel verscherbelt.
Preußen, das seit 1815 im Rheinland das Sagen hatte, ging da systematischer vor – die neuen Machthaber hatten auch mehr Zeit. 1840 wurde in Schloß Bensberg eine Kadettenanstalt feierlich eingeweiht. Fast alles, was an Kunsterinnerte, wurde zerstört oder ausgelagert. Nach dem Ersten Weltkrieg wurde die Kadettenanstalt aufgelöst. Die einrückenden Truppen der Sieger nutzten sie nun als Kaserne.
Nichts konnte den scheinbar über dem Barockbau liegenden Fluch brechen. In den Jahren 1924 bis 1933 diente er als Obdachlosenquartier. Für viele Menschen sicher ein Segen, für die Bausubstanz eine weitere Katastrophe. Die Nationalsozialisten bauten das Schloß komplett um. Es wurde eine Erziehungsanstalt: Blut- und Bodenideolgie vor malerischem Hintergrund in verschandelten Gemäuern – der Tiefpunkt in der leidvollen Geschichte des Schlosses.
Nach dem Zweiten Weltkrieg rückten die Belgier ein und nutzten die Räume als Gymnasium. 650 Schüler paukten dort, 120 lebten in den Seitentrakten wie in einem Internat. Als die belgischen Truppen abzogen, gingen auch die Schüler. Mitte der 90er wurde so der Weg, frei für einen Neuanfang. Und Bauexperten kamen zu dem Schluß, daß es ein Wunder sei, daß dieses Schloß noch steht.
Gladbachs Bürgermeisterin Maria Theresia Opladen träumte als Bensbergerin davon, das Schloß instädtisches Eigentum zu verwandeln. Die Landtagsabgeordnete prägte das Wort von der „historischen Chance". So gründete sich ein Schloßverein mit dem Ziel, den alten Glanz wiederherzustellen. Endlich sollten die Bensberger auch Nutznießer ihres Wahrzeichens werden.
Es war eine Zeit hitziger Debatten. Doch in Bergisch Gladbach hatten nicht die Idealisten, sondern die Juristen und Kaufleute das letzte Wort. Und bei allen flammenden Appellen fehlte dem Schloßverein, fehlte der Bürgermeisterin und jetzigen CDU-Kandidatin für den Posten des hauptamtlichen Bürgermeisters ein Jan Wellen: ein Sponsor. Maria Theresia Opladen stimmte schließlich für den Verkauf an die Versicherung: „Es war mein Traum, daß wir das Schloß kaufen können." Aber es sollte nicht sein.
Was bleibt, sind die Vorgaben, die die Stadt dem Investor auferlegt hat. Auch die Allgemeinheit soll –etwa durch Führungen – künftig etwas von dem Schloß haben. Das 66 000 Quadratmeter große Gelände soll dann jedermann zugänglich sein. Geplant sind Kulturveranstaltungen im Schloß sowie der freie Zugang zum Belvedere-Turm.
Als Grandhotel aber soll das Schloß auch bundesweit Schlagzeilen machen: als „prächtiges Baudenkmal im Zentrum des Städtedreiecks Köln, Düsseldorf, Leverkusen". Für das Frühjahr 2000 ist die Eröffnung vorgesehen. Ursprünglich sollte es schon zur Jahrtausendwende so weit sein, doch der marode Zustand macht nun doch eine längere Restaurierung notwendig.
Die künftigen Gäste und Bewohner werden mit Sicherheit wieder an Goethe erinnert werden, der schrieb: „Deutlicher ist mir eine Fahrt nach dem Jagdschloß Bensberg erinnerlich, das aufder rechten Seite des Rheins gelegen, der herrlichsten Aussicht genoß."
Nun könnte die Geschichte des Bensberger Schlosses doch noch ausgehen wie ein Märchen: Am Ende wird alles gut.

ES WAR EINMAL –und wird auch wieder: Das wunderschöne Bensberger Schloß wird derzeit mit großem Aufwand restauriert.
(Foto: Arlinghaus)

Quelle: 
KStA-19990731-nr177-s3 (Kölner Stadt-Anzeiger)
Freigabe: 
Freigabe erteilt für BGV durch KStA mit email vom 4.12.2009