Refraths alte Kirche



Ausgabe 11/November 1970

Refraths alte Kirche

[Von Dr. Müller, wissenschaftlicher Mitarbeiter des Stadtarchivs Bensberg]

Nachdem wir In der letzten Ausgabe wichtige Beiträge aus unseren 6 Jahrgängen veröffentlicht haben, baten uns zahlreiche Leser um einen erneuten Abdruck des vorliegenden Artikels zur Geschichte Refraths und Bensbergs. Gerne erfüllen wir heute diesen Wunsch.
Der erste Refrather, der sich mit der Geschichte des Ortes befaßte und seine Ergebnisse schriftlich niederlegte, war Pfarrer Heinrich Josef Dollmann. Leider fand er für das Mittelalter nur drei Urkunden, und leider hielt er sich mangels anderer Quellen an die Sagen. In einer dieser Sagen heißt es nun, die Christen wollten einst den Sieg des Kreuzes verkünden und planten deshalb den Bau einer Kirche auf dem Bergkegel der Erdenburg bei Bensberg. Das aber mißfiel dem Teufel, der dort mit Höllengestank alle Bauarbeiten verhinderte. Die Christen eilten daher ins Tal, wo sie im Waldesdunkel bei Refrath, selbst dem Teufel verborgen, ein kleines Kirchlein errichten konnten. Das Kirchlein war so klein, daß es nur der Taufe diente. Den Gottesdienst hielt man deshalb im Walde ab.

Diese Sage hat viele Mißverständnisse ausgelöst. Dazuzählt die Annahme, in der alten Refrather Kirche sei nur getauft worden. Daraus nämlich entstand der noch heute geläufige Begriff der Taufkirche, und man glaubte sogar, der an der Kirche vorbeifließende Bach sei früher durch die Kirche geflossen und er habe dort ein Taufbecken gespeist.

Alles zusammen begründete man mit dem Patrozinium Johannes der Täufer, und alles zusammen ist falsch. Leider wurde immer wieder, auf die Sage zurückgreifend, auch noch versucht, die Zeit der Bauarbeiten zu bestimmen. Dabei dachte man an die Christen, die den Sieg des Kreuzes verkünden wollten, und weil der Merowingerkönig Chlodwig zum Christentum übertrat und weil Bonifatius die Deutschen bekehrte, ergab sich der Schluß, dann sei die Refrather Taufkirche schon zur Merowingerzeit erbaut worden und mithin sei sie die älteste Kirche des Rheinisch-Bergischen Kreises. Davon ausgehend wurde zu allem Uberfluß auch noch die Urkunde von 1233 falsch ausgelegt; denn weil es darin heißt, der Bensberger Pfarrer habe für die Refrather Kirche eine Stiftung angenommen, kam man zu dem Schluß, unter dem Wort Bensberg sei die Pfarre zu verstehen, deren Kirche in Refrath gestanden habe. Diese Version wurde von der Literatur übernommen, wo nun seit 1860 das falsche Ergebnis von den Heimatkundlern kritiklos abgeschrieben wird.

Der erste, der sich dagegen wehrte, war der Bensberger Pfarrer Hermann Josef Hecker. Er wies nach, daß die ganze Darstellung der Refrather Geschichte falsch war und daß die Kirche der Pfarre Bensberg in Bensberg und nicht in Refrath gestanden habe. Daraufhin wurde Prof. Dr. Peter Opladen durch den damaligen Reichs-Oberarchivrat Dr. Kizky auf die hochinteressante Geschichte der Pfarre Bensberg aufmerksam gemacht, und Prof. Opladen hat sie bekanntlich beschrieben. Leider waren ihm, dem Theologen, in der Hitlerzeit die Staatlichen Archive nicht zugänglich, so daß er nur das veröffentlichen konnte, was er im Pfarrarchiv Bensberg an Urkunden vorfand. Dennoch stellte er fest, daß Refrath auf jeden Fall von 1233 bis 1845 zu Bensberg gehörte. Um nun wenigstens das festzuhalten, was durch Brief und Siegel belegt war, sammelte Prof. Dr. Hermann Josef Kreutz kurz nach dem zweiten Weltkrieg die bis dahin bekanntgewordenen `Urkunden der Refrather Hofstellen. Leider konnten seine Ergebnisse damals nicht veröffentlicht wenden, so daß bis heute nur das Manuskript in Refrath aufbewahrt wird. Das war die Situation, in der ich 1964 die Redaktion des Heimatbuches Immekeppel übernahm. Um dieses schreiben zu können, waren natürlich Urkunden erforderlich, und es ist das große Verdienst des Dechanten Johannes Blumentrath aus Immekeppel, gleich 1500 Blatt besorgt zu haben. Ihm und dem verstorbenen Mitbürger Johann Kierspel, der die losen Blätter tadellos geordnet hat, gilt unser aller Dank. Von dieser Basis ausgehend war es mir möglich, die Geschichte des Sulserhofes in den Griff zu bekommen, und es stellte sich heraus, daß Refrath, Kippekausen, Lüdcerath und der Frankenforst zu eben diesem Hof Sulsen gehörten und in ihren Anfängen mit Bensberg außer der Nachbarschaft nichts gemein hatten. Da erst wurde klar, wo weitere Urkunden zu suchen waren. An dieser Stelle muß ich dem toten Stadtdirektor Wilhelm Wagener danken. Der nämlich war es, der mich beauftragt hat, nunmehr alle Urkunden und Akten zur Geschichte der Stadt Bensberg in das Stadtarchiv nach Bensberg zu holen. Wir haben dadurch den großen Vorteil, sämtliche die Stadt betreffenden Dokumente stets griffbereit zu haben. Daß wir bei der Gelegenheit auch noch die Geschichte sämtlicher Nachbarstädte und sämtlicher Nachbargemeinden kennenlernen, das sei nur nebenbei erwähnt.

Aufgrund dieser Tatsachen also bin ich nun in der Lage, Ihnen die frühe Geschichte von Refrath zu schildern, und ich hoffe, daß sie Ihnen ein wenig Freude bringt, zumal es sich dabei um jene Zeit handelt, die von den Heimatkundlern bisher stets als sogenannte graue Vorzeit bezeichnet wurde.

Als der Gesamtraum der heutigen Stadt Bensberg infolge des Vertrages von Verdun im Jahre 843 an den Kaiser Lothar 1. fiel, bestand er aus einem einzigen riesigen Waldgebiet. Dieses erstreckte sich vom Mauspfad bis über die Agger, von der Straße zwischen Lohmar und Urbach bis zur Dhünn und unterstand, da es damals noch völlig menschenleer war, als Reichsgut den fränkischen Herrschern. Diese Rechtslage ergab sich bereits bei Beginn der Merowingerzeit, also im Jahre 450, und aus dem 400jährigen Rechtsverhältnis heraus bezeichnete man den unbesiedelten Wald als Königsforst. Dieser diente, wie an dem Wort Forst zu erkennen ist, ausschließlich der Jagd, und um sich beim Jagen in etwa zurechtzufinden, richtete man sich in ihm nach den Einzugsbereichen der größeren Flüsse, also der Struna, -der Sulsa und der Achera. Nun hatte der genannte Kaiser Lothar 1. eine Tochter namens Irmgard, die im Jahre 846 den Grafen Giselbert im Maasgau heiratete. Den jungen Eheleuten wurde 850 ein Sohn geboren, dem sie den Namen Reginar gaben. Seinen Namen müssen wir uns merken; denn Graf Reginar, der Enkel des Kaisers Lothar I., seit dem Jahre 900 nicht mehr nur Graf im Maasgau, sondern darüber hinaus auch noch Herzog von Lothringen, ist der Gründer von Refrath. Reginar wohnte in Doveren an der Maas, wo er ausgedehnten Waldbesitz hatte, den nach ihm benannten Herzogsbusch. Dort, wo einst der Herzogsbusch lag, liegt heute die gleichnamige niederländische Stadt s'Hertogenbosch. Hier wurde die Rodung für den Raum Refrath geplant und vorbereitet. Gründe dafür, den Wald zu roden und neue Siedlungen anzulegen, gab es genug. In den Jahren 850, 874 und 880 hatte infolge schlechter Ernten und ungewöhnlich strengen Wintern in weiten Teilen Lothringens und dabei namentlich am Rhein große Hungersnot geherrscht. Der Wald.aber, in unserem Falle also der Königsforst, brachte außer Jagdbeute nichts ein. Dem mußte abgeholfen werden. In solchen Fällen kamen den Menschen stets ihre neuesten technischen Erkenntnisse zur Hilfe. Bisher hatte es nur einen einfachen Hakenpflug gegeben, wie ihn schon die Römer gebrauchten, mit dem sich der Boden aber nur aufreißen ließ. Dieser Pflug wurde erheblich verbessert. Ein an einen zweirädrigen Vorderwagen gehängter Erdpflug mit Pflugsech und Pflugschar machte es jetzt möglich, den Boden zu wenden. Das war die Voraussetzung zur Bearbeitung der schweren Böden im Bergischen Land. Natürlich lag es im Interesse der lothringischen Grafen und namentlich auch im Interesse Reginars, die Gefolgsleute im eigenen Machtbereich anzusiedeln. Aber hier gab es eine Schwierigkeit. Der Königsforst stand unter dem Wildbann, d. h., in Mittelpunkt einer Grundherrschaft, und er blieb dem Eigenbedarf des Grundherrn reserviert. Der zu diesem Hof gehörende Grund und Boden hieß im damaligen juristischen Sprachgebrauch Terra Salica, woraus die Franken das deutsche Wort Saalgut machten. Den geeigneten Platz fanden die ersten Siedler im Raum der heutigen Ottostraße und des Burgherrenweges. Hier entstand der Meierhof. Das :dazugehörige Land wurde als im Saal gelegen bezeichnet. Das reichlich vorhandene Holz diente als Baumaterial. Die hölzernen Hütten wurden mit Stroh gedeckt. Die ganze Anlage wurde eingezäunt, was besonders wichtig war; denn damals gab es hier noch Wölfe. Nachdem die ausgeschickte Schar auf diese Weise zunächst einmal untergebracht war, fiel den Ministerialen die Aufgabe zu, die hörigen Bauern für ihre Mithilfe zu entschädigen. Das geschah in der Weise, daß jeder ein Stück Land zu Lehen erhielt, das er bebauen durfte. Das uns hier interessierende Lehenland war an jenem Bach gelegen, der heute noch an der alten Kirche vorbei in Richtung Brandroster fließt. Dieser Bach erscheint in den Urkunden unter der mittellateinischen Bezeichnung Riparia. Aus dieser Benennung ergab sich das deutsche Wort Ripe für den Uferrand, und prompt hieß die erste hiesige Rodung Riprode, gleich: Uferrodung, gleich Refrath: Es genügt, wenn nunmehr noch darauf hingewiesen wird, daß es sich bei der ersten Hofanlage um das Junkersgut handelte. Nun war es damals üblich, daß der Grundherr auf seinem Grund und Boden, also auf Saalland, eine Kirche bauen ließ. Das konnte nur er, weil schließlich bis heute niemand auf seinem Grundstück einen fremden Bauherrn duldet. Mit dem Bau aber war dann der Grundherr auch der Besitzer der Kirche, weshalb man von seiner Eigenkirche spricht, die auf dem Kirchfeld stand. Wer aber eine Kirche baute, brauchte dann auch einen Geistlichen, der dort die Seelsorge ausübte. Dem Priester wiederum stand für seine Leistungen ein Entgelt und
eine Ausstattung mit Land zu.

Diese Ausstattung nannte man Widem, das Landgut den Widemhof. Die Anstellung des Priesters war daher also Sache des Grundherrn. Noch unter Herzog Reginar von Lothringen, der im Jahre 915 starb, wurden ihm durfte nur gejagt werden, weshalb er für den weiteren Anbau geschlossen war. Dieser Zustand war zunächst zu ändern, und deshalb wurde der Forst nun vollkommen neu aufgeteilt. Für die Folge galten im hier interessierenden Bereich der Wahlbach und der Flehbach als Nordgrenze des auch weiterhin zu erhaltenden Königsforstes, während der Raum zwischen Flehbach und Dhünn zur Rodung freigegeben wurde. Diese Freigabe erfolgte im Jahre 893, dem Gründungsjahr Refraths.

Nachdem wir nun den Gründer und das Gründungsjahr kennen, erhebt sich die Frage, 'wie die Rodung vor sich ging. Dabei ist zu beachten, daß dem Grafen Reginar die Leitung der Aktion oblag, ihm mithin nach geltendem flämischem Recht das durch seine eigene Initiative gerodete Gebiet als Eigentum zufiel, wodurch er 'der Grundherr Refraths wurde. Der hohe Herr rodete freilich nicht selbst. Für solche Arbeiten hatte er seine Gefolgsleute, bestehend aus Ministerialen,- hörigen Bauern und unfreien Knechten und Mägden.

Die von ihm ausgewählte Schar versammelte sich unter einem eigens beauftragten Ministerialen in Köln-Merheim, und von dort ging es auf Wagen und Karren mit Tieren und Geräten an den Ufern des Bruchbaches vorbei nach Osten. Es lag im Interesse des Grundherrn, sich zunächst um einen geeigneten Platz zur Anlage eines Meierhofes zu bemühen. Ein solcher Hof bildete nämlich stets den Kirche und Wiedenhof zu Refrath errichtet. Dabei bedarf es des Hinweises, daß beide Gebäude aus Holz gebaut wurden, so wie die schon beschriebenen Bauernhöfe auch. Die schlichte kleine Holzkirche diente den Ministerialen, hörigen Bauern und unfreien Knechten, die sich am Rodungswerk, wie vorhin beschrieben, beteiligt hatten, als Pfarrkirche. Womit das Märchen von der Taufkirche endgültig entkräftet ist. Wie sich nun aus einer Urkunde vom Jahre 922 ergibt, waren die ersten Rodungen und Aufbauarbeiten in und um Refrath zu jenem Zeitpunkt abgeschlossen. Gerodet war nur der geringste Teil der heutigen Gemarkung Refrath, nämlich der Raum um Kirche, Wiedenhof und Junkersgut sowie der um die heutige Ruine Kippekausen. Alle anderen Flächen waren nach wie vor mit Wald bestanden und dienten den Neusiedlern in Saal und Refrath sowie den Altsiedlern in Merheim als Allmende, als Gemeindewald. Gemeinsam genutzter Wald verschiedener Grundherren aber hieß im damaligen Sprachgebrauch ganz einfach Heide, und dieser Begriff hat mithin mit Heidekraut und Wacholder ä la Lüneburger Heide überhaupt nichts zu tun. Wie weit sich der gemeinsam genutzte Wald, die Heide genannt, also erstreckte, das ist heute noch an der Lustheide, der Werheide, der Refrather Heide, der Wingertsheide leicht zu erkennen. Aus der Lage der verschiedenen Heiden wird deutlich, daß der Gemeindewald an der Linie Kirchfeld-Kippekausen endete. Aller Wald östlich dieser Linie gehörte zu Saalhof, war Terra Salica und wurde vom Grundherrn als Privatwald genutzt. Das war die Lage im Jahre 922. Bis zum Jahre 959, also während der nächsten Generation, wurde der genannte Privatwald vom Grundherrn, diesmal war es Reginars Sohn Giselbert, gebannt und eingeforstet. Dabei erhielt er den Namen Frankenforst. Die Einforstung war notwendig geworden, weil die Rodung im Gesamtraum der heutigen Stadt Bensberg weiterhin auf vollen Touren lief. Man mußte dem Nachbarn deutlich machen, wo der eigene Interessenbereich endete. Das war im Falle Frankenforst besonders wichtig, weil im Jahre 958 auf der östlich angrenzenden Höhe zum Schutz der neu erschlossenen Mark eine Burg angelegt wurde. Nun bezeichnete man damals eine Feldmark mit dem lateinischen Wort Bannus. Die zum Schutz der Mark errichtete Burg war das castrum banni oder zu deutsch die Bansburg gleich Bensberg. Obwohl man annehmen könnte, nun sei die Sachlage vollends geklärt, wird man bedenken müssen, daß noch eine wichtige Einrichtung fehlte, die Mühle. Zu ihrer Anlage war der Milchbornbach nicht geeignet. Hier bot sich die Sülz als wesentlich vorteilhafter an. Aus diesem Grund reservierte sich Herzog Giselbert auch dort eine Terra Salica, auf der er bis 958 eine Mühle, die Sulsener Mühle genannt, im heutigen Immekeppel errichten ließ. Damit nicht genug, wurden auch in jenem Raum zahlreiche Höfe angelegt, und sowohl die. Refrather wie auch die Immekeppeler Hintersassen Giselberts hatten sich seiner Eigenkirche zu bedienen, eben der alten Refrather Kirche auf dem hiesigen Kirchfeld.

Schon jetzt leuchtet ein, daß damit die schlichte erste Holzkirche zu klein war und den Bedürfnissen nicht mehr entsprach. Der Nachfolger Giselberts als hiesiger Grundherr, Graf Eremfried, ließ deshalb 972 um die Holzkirche herum eine größere und steinerne Kirche errichten, eine neue Pfarrkirche also für den Sulzerhof, d. h. mithin für seine Hintersassen in Refrath und in Immekeppel und keineswegs für die Bensberger, die zu jenem Zeitpunkt bereits ihre eigene Pfarrkirche hatten, nämlich St. Marien auf dem Burggraben. War nun die Bansbur zum Schutz der gesamten Mar angelegt, so war es dennoch eforderlich, auch den Meierhof oder Saalhof besonders z schützen, zumal Graf Eremfried dort die Gerichtstage abhielt.

So kam es, daß nun beim Saalhof auf einem von Wasser umgebenen Erdhügel ein befestigter hölzerner Turm errichte wurde. Die Anlage nennen wir eine Hochmotte. Hier möge heute der Hinweis genügen, das der hölzerne Turm nach 20 Jahren durch einen steinernen ersetzt wurde, den man aber verfallen ließ, als sich der Schwerpunkt des Sulserhofes in Jahre 1309 von Refrath nach Immekeppel verlagerte. Eine Turmruine hieß im spätmittelalterlichen Sprachgebrauch eine Kippik Hus, gleich: Kippekausen. Nach dieser kurzer Abschweifung wieder zurück zum Jahre 1000. Wir finden in Refrath nunmehr das Junkersgut mit 8 Gebäuden einschließlich der Stallungen und der Scheunen, den Wiedenhof mit 3 Gebäuden, die steinerne Kirche umgeben von der Kirchhofsmauer, den Saalhof mit 8 Gebäuden und den hölzernen Befestigungsturm. Das ergibt zusammen 21 Gebäude für der Gesamtraum des heutigen Bensberger Ortsteiles Refrath. In den Wohnhäusern gab es Betten, mit Leinentüchern bezogen, Bänke mit Kissen, Stühle, Tische und Truhen. Den Frauen oblag das Spinnen und Weben, den Männern die Feldarbeit. Angebaut wurden Hafer, Roggen, Weizen, Flachs, Rüben, Erbsen, Bohnen und Linsen. In den Baumgärten, „Bungert" genannt, gediehen Äpfel und Birnen. Die umzäunten Gärten, hauptsächlich zum Anbau von Gemüse und Gewürzen verwendet, hießen Kloster, wovon das Klosterhöfchen noch seinen Namen hat. Während die Hühner im Hof herumliefen, trieb man die Kühe auf eine gemeinsame Weide unter der Aufsicht eines Hirten. Zur Eichelund Eckernmast wurden die Schweine in die Wälder getrieben. auf die Eschflur am Eschbach. Ein Schafhirt trieb Ziegen und Schafe auf die Allmende, die Schafland oder Schiffelland genannt wurde. Die Schafweide heißt heute noch am Schiff und befindet sich in Bergisch Gladbach. Alle hiesigen Bauern betrieben darüber hinaus die Bienenzucht, weniger um Honig, vielmehr um Wachs zu erhalten.

Das war die Lage in Refrath, als die Grundherrschaft, durch zahlreiche Erbteilungen, die wir hier überspringen müssen, bedingt, im Jahre 1104 auf die Gräfin Hadewig überging. Ihr gehörte in der Folge die elterliche Burg Meer bei Büderich, und jener Burg unterstand der Sulserhof, zu dem wiederum Refrath zählte. Gräfin Hadewig heiratete den Grafen Hermann von Liedberg und Odenkirchen; mit dem sie drei Kinder hatte. Wichtig für uns ist die Tochter Hildegund, der das elterliche Erbe Meer am 22. Februar 1166 zugesprochen wurde. Hildegunds Vater Hermann von Liedberg und Odenkirchen ist 1152 gestorben. Zu jenem Zeitpunkt verwaltete der Liedberger Ministeriale Immo den Sulserhof.

Er ließ bei Hof und Mühle zu Sulsen eine Kapelle bauen, eben die nach ihm benannte Immenkapelle. Diese Kapelle unterstand 1155 nachweislich der Pfarrkirche in Refrath. Gräfin Hildegund, mit dem Fragen Lothar von Aar verheiratet, war beim Tode ihres Vaters bereits Witwe. So kam es, daß sie nun an jenem 22. Februar 1166 ihren gesamten soeben geerbten Besitz der Kirche schenkte unter der Bedingung, Burg Meer in ein Kloster für Prämonstratenserinnen umzuwandeln. Refrath wurde dadurch zu Kirchenland, weshalb der neue Verwalter von 1166, der Ministeriale Gevehardus von Acheren, also von Overath, 1167 sein Amt niederlegte. Da Refrath nun der Kirche gehörte, fehlte der Graf, der beim Saalhof zu Gericht saß.

Refrath braucht daher einen Vogt, der die Durchführung der Gerichtsentscheide garantierte. Als solcher bot sich der Graf von Berg auf Burg Bensberg förmlich an. Und ihm gelang es im Jahre 1169, die Vogtei über Refrath und den Sulserhof zu erhalten. Damit bildeten in der Folge Bensberg, Refrath und Immekeppel eine einzige Gerichtsgemeinde. Die ganze Angelegenheit wurde am 17. Januar 1179 von Papst Alexander III.. bestätigt, und damit gab es keine rechtlichen Zweifel und Bedenken mehr. Leider gab es zu jenem Zeitpunkt ein kleines Unglück; denn die Refrather Kirche brannte ab. Gräfin Hildegund, nunmehr Meisterin des von ihr gestifteten Klosters Meer, ließ eine neue und größere Kirche um die abgebrannte herum errichten, jenen Bau, den wir heute noch in Refrath sehen können. Das Hauptportal ist aus mächtigen Wolsdorfer Blöcken ausgeführt, was kein Wunder ist; denn Siegburg-Wolsdorf gehörte wie auch der Sulserhof der Gräfin Hildegund. Sie ließ die neue Kirche, die wir heute die alte nennen, damals prächtig ausstatten. Das beweist einmal der Refrather Taufstein, der heute in St. Nikolaus zu Bensberg steht, das beweisen zum anderen die wunderbaren Fresken, die damals der gleiche Künstler schuf, der auch das Prämonstratenserkloster in Knechtsteden ausmalte. Nun aber trat kirchenrechtlich eine neue Situation ein. Der eben für 1179 genannte Papst Alexander III. änderte das Eigenkirchenwesen. An die Stelle des bisherigen Eigenkirdienherrn trat in der Folge der Patronus. Er konnte nur noch dem Bischof vorschlagen, wer Priester an seiner Kirche werden sollte. Er konnte ihn nicht mehr selbst einsetzen. So war es denn möglich, daß der Vogt, mithin der Graf von Berg auf Burg Bensberg, Patronatsherr über Refrath werden konnte. Mit der Übernahme des Patronats erhielt er, wie es ihm juristisch zustand, die Parzelle Kirchfeld mitsamt der Kirche. Bensberg, Refrath und Immekeppel waren nun nicht mehr nur eine einzige Gerichts-, sondern darüber hinaus auch noch eine einzige Pfarrgemeinde. Sitz der Pfarre war Bensberg, und Refrath bildete eine von Bensberg abhängige Filiale. Als das geschah, amtierte in Bensberg und Refrath der Pfarrer Johannes, der für 1229 nachweisbar ist. Zum gleichen Zeitpunkt ist Heinrich vom Saal für Kippekausen belegt. Und auf dem Junkersgut in Refrath wohnten die Eheleute Herbord und Margarethe, deren Sohn, der freie Weber Herbord, sich 1233 zu Wachszins an die Kirche des hl. Johannes des Täufers gab. Darüber hinaus hatte der gräfliche Koch auf Burg Bensberg, Dietrich Koch, seinen Wohnsitz auf der Refrather Kaufe, wo er mit seinem Sohn Hermann ebenfalls 1229 genannt wird. Nachdem wir das alles wissen, könnte ich Ihnen noch erzählen, was die Leute damals gegessen haben, welche Sitten und Gebräuche es gab und wie die Holzhäuser allmählich von Fachwerkbauten und Steinhäusern abgelöst wurden. Ich will mich aber darauf beschränken, Ihnen nur noch mitzuteilen, daß die Refrather Schützenbruderschaft auch nicht erst 1926 gegründet wurde. Die Schützenbrüder sind hier schon im Spätmittelalter nachweisbar. Dieses und vieles andere mehr können Sie bald zü Hause selbst nachlesen, nämlich dann, wenn das Refrather Heimatbuch erschienen ist, zu dem die Vorarbeiten, wie Sie eben wohl bemerkt haben, jetzt abgeschlossen sind.


Quelle: 
BHB-1974-04-16-S04 ff (Bergisches Handelsblatt)
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