




Wolfram Bell
Das Refrather Vikarie-Stiftungsbuch von 1760
Das Archiv der Pfarrgemeinde St. Johann Baptist in Refrath verwahrt einen in braunem Halbleder gebundenen Band im Format 24 x 35 cm, der für die Ortsgeschichte von besonderer Bedeutung ist: das VikarieStiftungsbuch von 1760_ In der Zeit von 1760 bis 1853 machten die Vikare in diesem unscheinbaren Dokument von 110 vergilbten Seiten ihre Eintragungen: Einkünfte und Ausgaben, Inventarien, aber auch Berichte Lind Anmerkungen über bauliche Veränderungen und außergewöhnliche Ereignisse, wie die Plünderung der Vikarie durch vorbeiziehende Soldateska.
Pfarrer Noethen' stiftet 1600 Reichsthaler.
Am 10. Juli 1758, zwei Tage vor seinem Tode, hatte der Bensberger Pfarrer Stephan Noethen als Anhang zu seinem Testament eine Familienstiftung von 1600 Reichsthalern errichtet, aus deren Zinsen ein ständig in Refrath wohnender Vikar unterhalten werden sollte. Außer der seelsorglichen Betreuung der Dorfbewohner war der Geistliche verpflichtet, der Refrather Jugend in wenigstens drei (1) winterlichen Monaten Unterricht in Lesen und Schreiben zu erteilen.
Bereits 1734 war auf einem "ödt- und unfruchtbahr buschplätzlein" der Bau eines Schulhauses mit einer Vikarwohnung begonnen worden, der nach etwa zehn Jahren vollendet wurde. Es fehlte nur noch der Vikar. Als Gegenleistung für die Familienstiftung verlangte Pfarrer Noethen in seinem Testament, dass die Einwohner das Haus in Stand halten und es bei "Brand, Ruin oder Unglück" neu erbauen sollten. Als Kandidaten für die Vikariestelle benannte der Stifter Personen aus seinem Verwandtenkreis oder, falls die Familie keinen Geistlichen finden könne, einen Weltpriester aus der Pfarre Bensberg. Der letztgenannte Fall trat ein: Erster Vikar in Refrath wurde Johann Wilhelm Siegen, der als Sohn von Otto Siegen und Anna Maria Goudhaire am 6. 11. 1725 auf Gut Steinbreche geboren war.
Bescheidenes Mobiliar
Auf den ersten Seiten des Stiftungsbuches bestätigt J. W. Siegen im April 1760 zunächst die übernommenen Pflichten und zählt die Mobilien auf, die ihm Pfarrer Noethen vererbt hat:
[Hier nur den dreizeiligen Titel abbilden!]
1
Abb. 1: Authentische Kopie der Stiftung eines "einfachen Familienbeneficiums" zugunsten der Filialkirche in Refrath in Höhe von 1600 Reichsthalern durch den Pfarrer Stephan Noethen [Pfarrarchiv St. Johann Baptist Refrath]
1. Die beste Kuh im Stall. Sie wurde für 16 Reichsthaler und 40 Albus verkauft, "darob ein zeitlicher Beneficiatus oder Deservitor die Interessen [Zinsen] zu genießen hat".2
2. Eine eichene Bettlade mit einem mit Häckseln gefüllten Unterbett, sowie ein Federbett.
3. Ein "eichens Eßensschrank mit zwey Thüren". 4. Ein "eichener viereckigter Tisch mit 2 Auszüg". 5. Vier eichene Stühle.
6. Drei zinnerne Schüsseln.
7. Sechs zinnerne Teller.
8. Ein "dannerner Schranck".
Spätere Vikare haben dieses Inventar mit skurilen Randbemerkungen versehen. So sind später ein Teil der genannten Stühle (Nr. 5) "zusammengebrochen" und der viereckige Tisch (Nr. 4) "zusammengefallen". Einer der Herren scheint die zinnernen Schüsseln (Nr. 6) auf den Herd gestellt zu haben, denn ein Nachfolger bemerkt, dass sie "bey Herrn Pool flüssig worden sind". Johann Peter Pool wurde 1765 für vier Jahre Vikar von Refrath, als J. W. Siegen zum Pfarrer von Gladbach berufen wurde.3
Weitaus dramatischere Ereignisse lassen sich aus einer Notiz des Vikars Stefan Theodor Kleins ableiten: "1795, den 10., 11. und 12. September, wurde dies hiesige Vikariehauß von den Franzosen geplündert." Zu den gestohlenen Gegenständen gehörten das Federbett, das Unterbett und die Zinnteller.4
[Foto einfügen!]
Abb. 2: Die alte Vikarie am Kirchfeld, Ecke Simonswiese. Das um 1746 vollendete
(verputzte) Fachwerkgebäude nebst Stall musste 1993 einem Neubau weichen. [Foto: Herbert Müller, Refrath]
Das Bekenntnis des Anastasius Alfer
In seiner schwungvollen Schrift zählt Vikar Siegen alle Bücher auf, die er vorgefunden hat, geordnet nach Folio-, Quarto-, Octavo- und Duodecimo-Format.5 Die Bibliothek weist den stattlichen Bestand von über 150 Werken aus den Fachgebieten Theologie und Philosophie auf, fast alle in lateinischer Sprache verfasst. Zur überaus ärmlichen Ausstattung der Vikarie will die prächtige Bibliothek nicht so recht passen. Man fragt sich, ob die Vikare sie überhaupt wirklich benutzt haben. Einer der Herren gibt eine offenherzige Antwort auf diese Frage: Anastasius Alfer, ehemaliger Franziskaner aus Wipperfürth (1811-24 Vikar in Refrath). Er bekennt unter dem Bücherverzeichnis: "Was die
Bücher betrifft, weis ich nicht, denn ich habe sie nie gebraucht, nie gelesen, doch wie ich glaube, sind sie nicht alle mehr hier." Ein späterer Vikar kommentiert dieses Geständnis mit den Worten: "0 si tacuisses!".6
Ein "sehr wendiger und eifriger Geistlicher". Johann Nikolaus Mertz
Einer der bemerkenswertesten Geistlichen unter den zwölf zwischen 1760 und 1846 tätigen Vikare war Johann Nikolaus Mertz. Er stammte aus Luxemburg und kam 1792 nach Refrath. In ungelenker und kaum lesbarer Schrift berichtete er von Arbeiten auf dem Vikariegrundstück: "Anno 1793 hat vicarius mertz daß land bey der vicarie so mit Alleren [Erlen], Dörner, heide anders überwachsen war, urbar gemacht, welche Arbeit aber zwey und vierzig reichsdahler gekostet. Anno 1795 hat selbger den neuen garten vor dem Hause angelegt, welcher mit dem graben Elf reichsdahler gekost hat. ... 1798 et 1799 et 1800 hat selbiger den neuen Stall bauen lassen, welcher dreyundfunfzig reichsdahler gekostet hat. J. Mertz vikarius ab Anno 1792".
Pfarrer Dolman erwähnt in seiner Pfarrchronik, dass Mertz ein "sehr wendiger und eifriger Geistlicher" war, der im Jahre 1803 nach Buffalo in Nordamerika auswanderte, um dort eine katholische Pfarrei zu gründen. Er kam 1820 noch einmal nach Europa und besuchte nach drei Jahren dort vor seiner Rückreise auch seine alte Gemeinde in Refrath.
Mehrere in Refrath tätige Vikare wurden nach ihrer Abberufung zu Pfarrern im Bergischen ernannt: J. W. Siegen (1765 in Gladbach), sein Vetter Jakob Siegen aus Eil (1782 in Paffrath) und Johann Krein, der Nachfolger von Vikar Mertz (1807 in Sand). Krein stammte aus einer alteingesessenen Familie in Strunden. Auch der nächste Vikar, Johannes Adolf Ecker, war in der Nähe von Refrath zu Hause. Seine Familie betrieb die Kieppemühle in Gladbach. Er hatte zunächst den Mühlenbetrieb geführt, erwählte dann aber den geistlichen Stand und blieb in Refrath bis 1811.
Kärgliche Einkünfte
Der weitaus größte Teil des Stiftungsbuches ist Geldangelegenheiten gewidmet. Das Einkommen des Vikars setzte sich wie folgt zusammen:
1. Aus Zinsen, die für aus dem Stiftungskapital von 1600
Reichsthalern ausgeliehene Hypotheken und Obligationen gezahlt
wurden. Der Zinssatz betrug in der Regel 4%.
2. Aus den Zinsen anderer Stiftungen, für die an bestimmten Tagen
Messen zu lesen waren.
3. Geringe Beiträge flossen aus der Verpachtung des zur Vikarie gehörigen Ackerlandes und aus dem Schulgeld, das aber nur von den wohlhabenderen Eltern zu zahlen war.
Insgesamt standen dem Vikar für seinen Lebensunterhalt nur 90 Reichsthaler, 57 Albus und 4 Heller zur Verfügung. Nur die Tatsache, dass er, wie fast alle Dorfbewohner, Selbstversorger war, ermöglichte ihm, mit dieser kärglichen Summe auszukommen. Vikare, die aus vermögenden Häusern stammten, wurden wohl zusätzlich von ihren Familien unterstützt, wie z. B. die beiden Vikare Siegen, Johannes Krein oder Johann Adolf Ecker.
Die Refrather Pfarrkinder steuerten zu den Gottesdienstkosten bei, indem sie sich zur Zahlung von 150 Reichsthalern für Brot, Wein und Wachs verpflichteten.
Auf vielen Seiten sind im Stiftungsbuch die Rückzahlungen auf ausgeliehene Kapitalien entweder in Latein oder in Deutsch verzeichnet, oft mit genauer Datumsangabe. Es fällt auf, dass die Schuldner nicht nur aus Refrath, sondern auch aus Nachbarorten wie Strunden, Heidkamp, Hebborn, Bensberg und sogar aus Mülheim am Rhein stammten. Die Gründung der Vikarie war für die Refrather schon deswegen ein großer Fortschritt, weil sie sich seit langem als Filialisten von der Mutterpfarre Bensberg vernachlässigt fühlten, vor allem was die Seelsorge betraf. So brauchte der Bensberger Pastor in Refrath nur an bestimmten Tagen im Jahr Gottesdienst zu halten und Sakramente zu spenden, während die Refrather Eingesessenen in der übrigen Zeit die Kirche in Bensberg zu besuchen hatten. Davon ausgenommen waren nur die Alten, Kranken und Schwachen. Obwohl die Refrather während der österlichen Zeit weiterhin ihrer Beicht- und Kommunionspflicht in der Bensberger Kirche nachkommen mussten, hatten sie nun auch einen Priester als Ansprechpartner und Seelsorger am Ort.
Refraths Kampf um die Pfarrselbstständigkeit
Auf die Dauer war man aber mit dieser Lösung nicht zufrieden. Man war es auch leid, sich an den Reparaturkosten für die Bensberger Kirche und das dortige Pfarrhaus zu beteiligen. Man strebte die völlige Unabhängigkeit an, d. h. die Erhebung Refraths zur eigenständigen Pfarre. Hauptargument für diese Forderung war, dass Refrath die ursprüngliche Mutterkirche auch von Refrath gewesen sei. Die Kirche habe drei Altäre, zwei Glocken, einen Kirchhof und einen Wiedenhof. Man verfüge über Armen- und Kirchenrenten und die Gemeinde zähle 600 Seelen.
Ein entsprechender Antrag, am 7. Februar 1818 an den Kirchenrat in Bensberg gerichtet, wurde abgelehnt. Die Refrather kämpften weiter und wandten sich an das zuständige Ministerium in Berlin. Aber auch dieses gab dem Antrag nicht statt.
Aus dem Stiftungsbuch erfahren wir, dass 1823 Christian Büschemer aus Lindlar als Nachfolger von Anastasius Alfer nach Refrath kam. In seiner Amtszeit ging endlich der langgehegte Wunsch der Refrather in
Erfüllung. Die Erhebung zur selbstständigen Pfarre wurde möglich, weil Bernard Eyberg, der Gutsherr zur Steinbreche, am 15. Januar 1845 die Summe von 7500 Reichsthalern stiftete, aus deren Zinsen ein Pfarrer
besoldet werden konnte.
Das neben dem Vikariebuch wohl wichtigste Dokument im Refrather Pfarrarchiv ist die vom Kölner Erzbischof Johannes von Geissel am 20. Dezember 1845 unterzeichnete Urkunde über die Wiederherstellung der
Pfarre Refrath.
[Titel und sechs Zeilen Text]
Abb. 3: Anfang der durch Erzbischof Johannes von Geissel unterzeichneten Urkunde
vom 20. 12. 1845, die die Filialgemeinde Refrath zur selbstständigen Pfarre machte.
Erster Pfarrer von Refrath wurde der bisherige Vikar Christian Büschemer. Wegen seines hohen Alters und aus Gesundheitsgründen musste er vertreten werden, zunächst von Benedikt Berchem und danach von Heinrich Alberth. 1853 berief das Generalvikariat die Persönlichkeit nach Refrath, die in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts die Ortsgeschichte prägen sollte: Heinrich Joseph Dolman wurde nach dem Tode Christian Büschemers 1858 Pfarrer von Refrath.
[Foto des Grabsteins Büschemer oder Zeichnung Z 21 von Werling?]
Abb. 4: Grabstein Christian Büschemers, des ersten Refrather Pfarrers, auf dem
alten Kirchhof in Refrath. [Foto: W. Bell, Refrath]
Literatur:
Hermann-Josef Kreutz, Die Taufkirche von Refrath. Ein Buch vom Schicksal eines
Bergischen Dorfes (Ms) [Pfarrarchiv Refrath, Nr. ? ]
Gerd Müller, Refrath, Geschichte der Stadtteile Bensberg-Refrath und -Frankenforst,
Neustadt/Aisch 1974
Peter Opladen, Geschichte der Pfarre Bensberg, Bergisch Gladbach 1946
1 Johann Stephan Noethen, getauft 1681, geweiht 1704, war von 1707 bis 1758
Pfarrer in Bensberg. Vgl. Opladen, S. 344.
Ein "Beneficiatus" war ist Geistlicher, dem die Einkünfte aus einer Stiftung zustehen. Er kann sich durch einen "Deservitor" vertreten lassen. 3 Vgl.: Müller, S. 169.
4 Während der Revolutionskriege war im September 1795 das Amt Porz, zu
dem auch Bensberg und Refrath gehörten, von französischen Truppen besetzt.
5 Alte Buchformate: Folio (50 x 35 cm), Quarto (25 x 35 cm), Octavo (25 x 17
cm), Duodecimo (16 x 18 cm)
6 Das vollständige Zitat heißt: " O si tacuisses, philosophus mansisses!" (Wenn
du doch geschwiegen hättest, wärest du ein weiser Mann geblieben'). Es geht auf das Werk "Trost der Philosophie" des römischen Philosophen Boethius (+ 524 n. Chr.) zurück.
H. J. Dolman, Chronik der Pfarre Refrath bis zum Jahre 1880, S. 6 [(Ms), Pfarrarchiv Refrath, Nr. 13]