Verlagsbeilage: "Hier bin ich zu Haus" - Bensberg

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Ein Bauwerk prägt das Stadtbild

Kurfürst Jan Weilern nahm das Grundstück im Jahre 1703 kurzerhand der Kirche weg

Von der Rheinebene sanft ansteigende Hügel finden ihren architektonischen Höhepunkt im Neuen Schloß Bensberg
Die aus der Rheinebene sanft aufsteigenden Höhen des Bergischen Landes finden ihren architektonischen Höhepunkt in einem imposanten barocken Bauwerk: Das „Neue Schloß" beherrscht das Stadtbild von Bensberg.
Der volkstümliche Kurfürst Johann Wilhelm IV. von Berg (Jan Weilern) ließ den Prunkbau in den Jahren 1706 bis 1710 errichten, als er seine Residenz hierher verlegte.
Die ganze Zeitgeschichte von fast 280 Jahren spiegelt die Chronik des Schlosses wider. nie von Napoleon geführten französischen Besatzer hinterließen ebenso ihre Spuren wie die Preußen, die ihre Kadetten im chloßhof drillten. Nach dem Ersten Weltkrieg waren Soldaten der Entente sowie Obdachlose im ehrwürdigen Gemäuer untergebracht. Den Nationalsozialisten diente das Schloß als Erziehungsanstalt für den Nachwuchs, die Alliierten nahmen nach 1945 das Bensberger Wahrzeichen in Beschlag. Heute nutzen die belgischen Streitkräfte das mächtige Bauwerk als Internatsschule. Neueste Entwicklungen deuten darauf hin, daß Justitia bald Hausherrin werden könnte; das Amtsgericht Bergisch Gladbach will Teile des Schlosses anmieten.
„Das Neue Schloß in Bensberg ist der einzige bedeutende Bau, in dem die Herrscheridee Johann Wilhelms in adäquater Weise ihren künstlerischen Ausdruck gefunden hat", heißt es in dem 1958 vom Historiker Dahm veröffentlichten Buch „Jan Weilern und seine Bauten".
Mit Bensberg fühlte sich der Kurfürst in besonderer Weise verbunden. Im Herbst zog es ihn zur Jagd ins Bergische Land. Ab 1691 kehrte Jan Weilem in jedem Jahr in den Monaten Oktober und November mit seiner Gemahlin im alten Schloß ein. Zu Beginn des 18. Jahrhunderts beauftragte der Herrscher dann den Grafen Matteo de Al-berti, einen der bedeutendsten Baumeister der Zeit — er hat auch die Pläne kurfürstlicher Residenzen in Düsseldorf und Heidelberg entworfen —, mit der Errichtung eines Jagdschlosses.
Der Baugrund gehörte zum Bauschengut „hinter dem Berge", das die Pfarrkirche nach 1662 erworben hatte. 1703 wurde das auf einem Berg gelegene Gelände kurzerhand eingezogen und 1710 bezahlt. Der Kirche verblieb der umliegende Baumgarten sowie ein angrenzender Acker. Daß der Kurfürst dem Pfarrer als Ersatz das heutige Friedhofsgelände schenkte ist aktenkundig. In fünfjähriger Bauzeit entstand auf der Nordkuppe des Berges ein prachtvoller Barockbau, der mit seiner Nordflanke unmittelbar an den Hang des Milchborntales angrenzt. Die Geschichtsschreibung vermutet, daß ehedem die frühere Hauptburg der Grafen und Herzöge dort gelegen hatte.
Für die Konzeption des Reprä¬sentationsbaus war die Wahl des Bauplatzes besonders geeignet. Nach den Vorstellungen des Kurfürsten sollte sich die Gebäudegruppierung an das Verseiner Schloß anlehnen, Baumeister de Alberti gab seinem Hang zum Italienischen nach, fügte gleichzeitig ein niederrheinisch-münsterländisches Element mit den fünf abgerundeten Kuppeln des Hauptgebäudes hinzu.
Das mehrflügelige, von vorn nach hinten hochgestaffelte Bauwerk mit seiner eindrucksvollen doppelten Hochstaffelung des Corps de Logis (Mittelbau) und turmartiger Loslösung der Eckbauten vom Mittelbau mit Eckkuppeln und Hauptkuppel sowie flankierenden dreigeschossigen Seitenflügeln und den abklingenden Reprisen der Flügelbauten entstand in vollendeter Harmonie mit der hügeligen Waldlandschaft, heißt es in der einschlägigen Literatur. Und weiter: „Die in der Mittelachsesich erhebende wuchtige Hauptkuppel unterstrich die Vertikaltendenz der kubisch zerklüfteten Baumasse, der die Ruhe der Fassadengestaltung und das zurückhaltende Relief der Profilierung den angemessenen Gegenakkord setzen. '
Das Schloß gilt als eines der  schönsten fürstlichen Bauwerke Deutschlands. Wie es ursprünglich errichtet wurde, zeigen Darstellungen auf einer Medaille von 1709, eine Abbildung von Sollerius 1714 oder der Stich von Plönies aus dem Jahre 1715. Johann Wolfgang von Goethe sah das Schloß noch in seiner alten Pracht und schwärmte vonder inneren Ausgestaltung, an der die bedeutendsten Künstler jener Zeit beteiligt waren. So bemalte Pellegrini die Kuppel-decke im nördlichen Treppenhaus, wo er den Sturz Phaetons mit dem Sonnenwagen (aus der griechischen Mythologie) darstellte, und Zanetti malte in der Südkuppel den Sturz der Titanen. Andere Künstler wie Belucci, Schoonjans und Weenix hat- ten ebenfalls Anteil an der prachtvollen Gestaltung der Räume. Weenix malte zahlreiche Jagdszenen, beispielsweise in zwei Galerien eine Hirsch-und Saujagd mit Bensberg im Hintergrund. Vor allem waren es diese Bilder, die Goethe leidenschaftlich in lyrischer Form festhielt.
Eine lateinische Inschrift über dem Ostportal des Mittelbaus deutet auf die Entstehung des Jagdschlosses hin: „Ich entstand unter der Obhut des dreieinigen Gottes, des Allerhöchsten, während der Regierung Johann Wilhelms und Anna Louisens, Fürstin von Toscana, Kurfürstliche Gnaden, Herzöge von der Pfalz, von Bayern, Jülich, Kleve, Berg- .... durch Johann Friedrich Grafen von Schaesburg und Mattheus, Grafen von Albertis, den Erfinder dieses Baues, jenen als Schatzmeister, diesen als obersten Baumeister im Jahre des Herren 1710."    Ha.

DAS NEUE SCHLOSS ist nun schon seit fast 280 Jahren das Wahrzeichen Bensbergs. Kurfürst Jan Weilern ließ den Prunkbau im Barockstil von dem Baumeister Graf Matteo de Alberti in den Jahren 1706 bis 1710 errichten.

Die „Moderne" brach sich Bahn

Wilhelm Wagener wollte mit neuem Rathaus Niegesehenes selbstverständlich machen
Verwaltung im „Aapefelsen" konzentriert — Bürgern den Gang zur Behörde erleichtert

Bergisch Gladbach eine „Böhm-Stadt" zu nennen klingt wahrscheinlich nach Anmaßung. Immerhin: Mit dem Rathaus Bensberg, dem Bürgerhaus Bergischer Löwe in Gladbach, dem Kinderdorf Bethanien in Refrath und der Herz-JesuKirche in Schildgen sind hier vier Bauten eines Architekten vorzuweisen, der als erster Deutscher 1986 in New York den Pritzker-Preis — eine der höchsten internationalen Architekturauszeichnungen — erhielt. Und so viel Mut zum Fortschrittlichen, „das sich der Dialektik von Banalität und Absonderlichkeit entzieht" (FAZ), ist bei einer konservativ geprägten Mittelstadt wie dieser nicht nur der Rede, ist nach wie vor auch Studenten und Fachleuten aus aller Welt eine Reise ins Bergische wert.
Das Bensberger Rathaus
Seine Baugeschichte ist mit dem Namen des verstorbenen Bensberger Stadtdirektors Wilhelm Wagener sozusagen ursächlich verbunden. Er war ein beherzter Verfechter der Böhmschen Idee, „Niegesehenes selbstverständlich zu machen" — willens und fähig, auch hartgesottene Skeptiker und Gegner zu überzeugen. Er vertrat und verteidigte das für damalige Verhältnisse ebenso kühne wie kostspielige Projekt (Kosten: rund zehn Millionen) couragiert und unbeirrbar gegen alle Kritik. Und davon gab es reichlich.
„Ein seit langem notwendiges Werk ist vollendet" schrieb Wa- gener „zum Geleit" in die Festschrift zur Einweihung im Juni 1967. „Die bisher in sechs verschiedenen Gebäuden untergebrachten städtischen Dienststellen sind in den für sie bestimmten Teil des neuen Hauses umgezogen. Damit ist ein Zustand abgeschlossen, der ... unzumutbar geworden war." Denn: „Mit den seit dem Krieg stetig anwachsenden Aufgaben der gemeindlichen Selbstverwaltung wuchs der Arbeitsumfang aller Dienststellen. Ihre Unterbringung wurde dadurch immer unzulänglicher. Unter diesen Umständen war es oft unmöglich, reibungslos und zufriedenstellend zu arbeiten. Die damit verbundenen unerfreulichen Auswirkungen hat die Verwaltung stets als erschwerend empfunden."
Die Bürger auch. Sie mußten in „städtischen Angelegenheiten" von Pontius zu Pilatus laufen, Rat und Verwaltung residierten in zum Teil abbruchreifen Bauten, immer wieder standen Instandsetzungen und Umzüge an; die mit der Zeit obendrein ärgerlich ins Geld gingen. Ein richtiges Rathaus, so viel war klar, wollten die Bensberger schon. Aber so eins? Als droben auf dem Burg-Berg Böhms „Aapefelsen" (Affenfelsen) in den Himmel wuchsen, breiteten sich Angst und Schrecken aus unterhalb im Städtchen.
Mit der Klärung der „Stand- ortfrage" begannen die Planungen schon 1959. Eingeforderte städtebauliche Gutachten bezeichneten übereinstimmend das Gelände des alten Schlosses als die „geeignetste" Stelle. Folglich beschloß der Rat im Sommer 1961, den nötigen Grundbesitz zu erwerben. Im Frühjahr danach wurde ein Ideenwettbewerb ausgeschrieben mit ganz bestimmten Vorgaben: „Das neue Rathaus soll auf dem Gelände des alten Schlosses errichtet werden ... das als historisch bedeutsames Baudenkmal ein eindrucksvolles Zeugnis derweit zurückreichenden Geschichte Bensbergs ist. Die Bedeutung des alten Schlosses in Verbindung mit dem neu zu errichtenden Rathaus soll dazu beitragen, die aus neun Stadtteilen zusammengefügte Stadt Bensberg geistig und politisch stärker zu zentrieren. Die historisch wertvolle Bausubstanz muß ... gebührend berücksichtigt werden." Das Preisgericht sprach im Dezember 1962 dem Diplomingenieur Professor Gottfried Böhm aus Köln den ersten Preis zu mit der Feststellung, daß seine Lösung in besonders eindrucksvoller Weise dem Wesen der gestellten Aufgabe gerecht werde. Bensbergs Rat brauchte allerdings noch gut ein Jahr, um sich dieser Meinung anzuschließen. Am 17. Januar 1964 beauftragte er Gottfried Böhm mit „Planung und Ausführung seines Entwurfs".
Bensberg (40000 Einwohner) war damals idyllisch, überragt von Jan Wellems barocker Sommerresidenz in unmittelbarer Nähe des „alten Schlosses" —1103 als Burg erstmals urkundlich erwähnt, 1198 von Engelbert von Berg ausgebaut und vergrößert, wiederholt belagert und zerstört, seit Mitte des 14. Jahrhunderts Mittelpunkt des Amtes Bensberg, bis ins 16. Jahrhundert Witwensitz bergischer Herzoginnen. Wer dort hinaufstieg, der kam vorbei an Wiesen, auf denen Schafe und Ziegen weideten; es gab viel Platz und viel Nutzgärten zwischen den Häusern. Betonklötze, die heute das Straßenbild und die Silhouette prägen, gab es nicht. Das Tempo war gemächlich.
Mit Böhm brach die Moderne über die Stadt herein. Er setzte, wie ihm geheißen, sein Rathaus direkt auf und neben die Relikte mittelalterlicher Feudalarchitektur, als da waren ein unregelmäßiger fünfeckiger Bergfried (12. Jahrhundert), an den sich der einstige Palas anschloß; zwei zu Türmen erhöhte Portale (Engelberts- und Michaelsturm), Bruchstücke alter Umfassungsmauer. Zwischen den beiden Türmen wurde der Neubau im Verlauf dieser Mauer und folgend den romanischen Grundlinien der Anlage errichtet. Die Flügel des Rathauses fügten sich zu Bergfried und Palas in unregelmäßigem Oval, den gepflasterten Hof dominiert ein Treppenturm, dessen Spitze sich in Betonform auflöst und der — laut Baubeschreibung —als große Architekturplastik das Spiel der alten Türme im eigenen Charakter fortführt".
Am Fuß des Treppenhauses liegt der Haupteingang, von hier aus sind alle Teile des Hauses zu erreichen. Im Norden schließt sich an das Foyer der Eingang zum Ratssaal an: die erhaltene Palasmauer nutzte Böhm als hintere Saalwand mit Fenstergalerie (zwei- und dreibogige Fenster aus dem 13. Jahrhundert, der Kölner Bauhütte von St. Gereon zugeschrieben, wurden während der Bauarbeiten gefunden und verarbeitet, man beließ auch die Simse der späteren Renaissancefenster in der Mauer, um „Geschichte ablesbar zu machen"). Zur Hofseite hin wurde der Raum großzügig verglast. „Lage und Gestält des Hauses", stellte Bensbergs Bürgermeister Ulrich Müller-Franck seinerzeit mit berechtigtem Stolz fest, „entsprechen gleichermaßen dem Zweck wie der Würde seiner Bestimmung.
Durch diesen Bau als Ausdruck bürgerschaftlichen Selbstbehauptungswillens haben die Bürger dieser Stadt ihre Achtung vor den Leistungen ihrer Vorfahren, ihren Mut bei der Bewältigung der Aufgaben der Gegenwart und das Bewußtsein ihrer Schuldigkeit gegenüber der Nachwelt überzeugend bewiesen. So ist dies Rathaus nicht nur Mittelpunkt, sondern auch Beginn einer neuen Entwicklung in unserer Stadt."
Diese Entwicklung verlief anders, als gedacht, und aller bürgerliche Selbstbehauptungswille der Bensberger konnte nicht verhindern, daß sie im Zuge der kommunalen Neugliederung 1975 der Nachbarstadt Bergisch Gladbach als „Stadtteil Bensberg" einverleibt wurden. Kaum hatten sie begonnen, ihr neues Rathaus zu akzeptieren und aufgehört, es zu schmähen (siehe „Aapefelsen"), wurde es degradiert zu einer Art Verwaltungsnebenstelle. Untergebracht sind hier vornehmlich Bergisch Gladbachs „technische Dezernate".
Der nicht nur als Sitzungssaal, sondern auch als kultureller Treffpunkt vorgesehene historische Palas (Ratssaal) wird von den Kulturbeauftragten der „neuen Stadt" ungern genutzt, es finden hier nur gelegentlich Kammerkonzerte und vereinzelte Ausstellungen statt. Kaum ein Vierteljahrhundert alt, hat das Bensberger Rathaus schon die Patina eines Architekturdenkmals.    Gr.

TAUSENDFACH fotografiert ging das Bensberger Rathaus, im Volksmund bis heute „Aapefelsen' genannt, um die halbe Welt.

Denkfabrik im Grünen zog viele Neubürger an

Interatom suchte einen Standort — Bensberg machte das Rennen
Umstellung vom Reaktorbau auf Hochtechnologie ganz allgemein

"Bensberg macht das Rennen" - überschrieb die Redaktion der Firmenzeitschrift „Interatom aktuell" im Januar 1988 einen Artikel in der damals erschienenen Sonderausgabe zum 30jährigen Bestehen des Unternehmens. Das Rennen machte Bensberg dank seiner Lage und dank des Ideenreichtums seines damaligen Stadtdirektors Wilhelm Wagener, als die Entscheidung über den Standort des 1957 in Duisburg gegründeten Unternehmens anstand. Bensberg „gewann" gegen Köln und Düsseldorf, gegen Neuß und das Bonner Umland. Eine wichtige Voraussetzung, die die Schloßstadt bis heute erfüllt: ihre Lage im Grünen. Die Ende der 50er Jahre umworbenen, sehr knappen kerntechnischen Fachleute sollten nicht nur einen attraktiven Arbeitsplatz im Grünen, sondern auch entsprechende Wohnverhältnisse vorfinden.
Man mag heute zur Kernenergie stehen, wie man will, den Atomreaktorbau ablehnen oder zukunftsbezogen für unbedingt erforderlich halten. Die Frage „Hat sich die Ansiedlung von In-teratom für Bensberg gelohnt?" läßt sich allerdings nur mit einem uneingeschränkten Ja beantworten. Abgesehen von der Tatsache, daß das Unternehmen bereits vor zehn Jahren begonnen hat, sich neue Geschäftsfelder zu erschließen und heute nur noch die Hälfte seiner Mitarbeiter in den Bereichen Brutreaktor- und Hochtemperaturreaktorbau tätig ist, stellt Interatom für Bensberg den bedeutendsten lokalen Wirtschaftsfaktor dar und darüber hinaus eine sozialpolitische Komponente, die ohne gründliche Untersuchung in ihren vielfältig verästelten Auswirkungen gar nicht präzise darzustellen ist.
Mit nicht viel mehr als einem Dutzend Mitarbeiter begann Interatom im Dezember 1958 im alten Bensberger Schloß. Heute sind auf dem Gelände an der Friedrich-EbertStraße in Moitzfeld und in Werk II, im Bensberger Gewerbegebiet, 1650 Frauen und Männer beschäftigt; hinzu kommen 200 Mitarbeiter bei geschäftsbezogenen Beteiligungsgesellschaften, so daß die bisher maximale,Beschäftigtenzahl aus den Jahren 1981 bis 1983 von rund 2000 Personen nach Abschluß der wesentlichen Bauabschnitte am Kernkraftwerk Kalkar insgesamt um nicht mehr als 150 Arbeitnehmer vermindert wurde.
Bei Interatom, die sich heute ganz allgemein als eine Firma für Ingenieurleistungen versteht und den Untertitel „Internationale Atomrektorbau" im Firmennamen gestrichen hat, sind allein die Hälfte aller Mitarbeiter Absolventen technischer Hochschulen und Fachhochschulen. Der Mitarbeiterqualifikation entsprechend hoch sind die Gehälter. Leitende Angestellte schätzen aufgrund ihrer persönlichen Beobachtungen im Kollegenkreis, daß mehr als die Hälfte der Interatom-Beschäftigten im eigenen Haus oder in einer Eigentumswohnung leben. Ein Drittel der Belegschaft wohnt in Firmennähe, in Moitzfeld, Bensberg, Refrath und Herkenrath sowie in Immekeppel und Untereschbach, auf Overather Gemeindegebiet. In den Grenzen der Stadt Bergisch Gladbach, in der angrenzenden Gemeinde Rösrath und in den weiter entfernt gelegenen Orten der Gemeinde Overath haben drei Viertel der Mitarbeiter ihren Wohnsitz, darunter auch vier der fünf Geschäftsführer. Die Rechnung aus den Gründerjahren, daß die Firmenansiedlung in Bensberg Mitarbeiter anziehen und halten würde, ist also aufgegangen.
Nach einer Firmenveröffentli- chung jüngeren Datums wurden 1987 135 Millionen Mark an Löhnen und Gehältern gezahlt, „wovon die Mitarbeiter viele Millionen in Bergisch Gladbach und Umgebung ausgeben". Durchschnittlich 15 Millionen Mark wurden in den letzten Jahren jährlich investiert. Bei einem durchschnittlichen Gesamteinkaufsvolumen von 250 Millionen Mark werden zwölf Millionen Mark im Jahresdurchschnitt bei mittelständischen und Kleinunternehmen am Ort ausgegeben. Das Bergisch Gladbacher Finanzamt kassierte beispielsweise 1987 30 Millionen Mark Lohn- und Kirchensteuer. 15 Prozent der Lohnsteuer und etwa 1,5 Millionen Mark Gemeindesteuern flossen in die Kasse des Stadtkämmerers. Aktiv engagiert sich Interatom auf kommunaler Ebene nach wie vor durch die Förderung von Schulen, speziell der Otto-Hahn-Schule an der Saaler Mühle und des Bensberger Albertus-Magnus-Gymnasiums.
Manch einer der 50 Auszubildenden hat zuvor eine dieser Schulen besucht.
Aus dem Bereich der Freizeitförderung seien an dieser Stelle nur die Interatom-Sportgemeinschaft und der Firmenchor genannt, der erst kürzlich die Meisterchorwürde errang.
War Interatom in den Jahren des Energiebooms Enkelin und auch Tochter verschiedener Mütter beziehungsweise Großmütter, so ist die heutige hundertprozentige Siemens-Tochtergesellschaft selbst Mutter neuer Tochterunternehmen geworden. Neugründungen von Gesellschaften wurden in konsequenter Verfolgung des Unternehmenszieles, die Standsicherheit' durch neue Beine zu verbessern, vorgenommen. Physikalische Technologien, Energiesysteme und Wassertechnik, neue Industriesysteme (zum Beispiel Oberflächentechnik und Flüssigmetalltechnik) sowie — um ein weiteres Beispiel •zu nennen — auch die Fertigung modernster Werk-
zeugmaschinen skizzieren schlaglichtartig das derzeitige Interatom-Engagement. Unter neun geschäftsbezogenen Beteiligungsgesellschaften befinden sich allein drei junge Firmen außerhalb des Reaktorbaubereichs mit Sitz in Bergisch Gladbach: Siemens Solar, Multi-Arc und Sigal.
Die Neugründung weiterer Unternehmen im Bereich neuer Technologien wird nicht ,ausgeschlossen. Bergisch Gladbach hat dabei gute Standortchancen, so daß damit auch die Arbeitsmarktsituation am Ort durchaus positiv beeinflußt werden könnte.    Be.

QUALITÄTSKONTROLLE am Mikroskop. Interatom beschichtet Materie, die erhöhter Belastung ausgesetzt ist, gegen Verschleiß.
IMMER NOCH EINGEBETTET in Grün liegt das Interatom-Gelände an der Friedrich-Ebert-Straße in Moitzfeld, obwohl die bebaute Fläche gegenüber den Anfangsjahren vergrößert wurde.

"Man darf hier nur nicht jedes Wort auf die Goldwaage legen"

Gebürtige Hamburgerin Helga Arp fühlt sich in Frankenforst „wie zu Hause"
Eine Quotenfrau bin ich sicher nicht", sagt Helga Arp über Helga Arp. Die SPD-Ratsfrau, die seit 20 Jahren Stadtverordnete und seit zehn Jahren stellvertretende Bürgermeisterin von Bergisch Gladbach ist, hat schon früh bewiesen, daß Politik nicht nur Männersache ist.
In Hamburg geboren, kam sie 1965 ins Bergische, weil ihr Mann beruflich versetzt wurde. Aus der Großstadt kommend sei es ihr anfänglich recht schwer gefallen, sich in Frankenforst einzuleben. „Die Kinder haben damals schnell Kontakt gefunden", erinnert sie sich. „Meine ersten richtigen Kontakte habe ich eigentlich über die Parteiarbeit geknüpft."
Schon in Hamburg war Helga Arp in die SPD eingetreten, in Bensberg baute sie die Mitgliederbetreuung auf, besuchte Genossinnen und Genossen zwischen Bensberg, Untereschbach und Dürscheid. Es dauerte nicht lange, bis die quirlige Frau mit dem unüberhörbaren norddeutschen Akzent in den Vorstand gewählt wurde. 1969 dann gewann sie den Wahlkreis direkt, wurde viermal in Folge Nummer eins bei der Kandidatenaufstellung im Ortsverein. Besonders stolz ist sie auch darauf, daß sie gleich beim ersten Mal auf Platz drei der Reserveliste abgesichert war, „in einer männerbetonten Welt", wie sie sagt.
Vorurteile einer Frau im Bürgermeisteramt gegenüber habe sie noch nicht erlebt, erläutert Helga Arp. Ganz im Gegenteil: „Als ich damals stellvertretende Bürgermeisterin wurde, hat mir der Männergesangverein Lyra sogar ein Lied gewidmet."
Das Interesse für die Kultur, das sie in Hamburg entwickelthatte, kam auch an ihrer neuen Wirkungsstätte schnell zum Ausdruck. Heute ist Helga Arp unter anderem Mitglied im städtischen Kulturausschuß und pflegt freundschaftliche Beziehungen zu Künstlern wie Mary Bauermeister und Walter Hanel.
Engagiert vertritt sie ihre Linie, kämpft dafür, daß die Veranstaltungen im Bürgerhaus Bergischer Löwe „langfristig in eine Hand übergehen" und macht sich immer wieder Sorgen um die Zukunft der Villa Zanders in Gladbach. „Es bedarf erheblicher Anstrengungen, um die Villa nach der langen Umbau- und Renovierungsphase wieder mit Leben zu füllen." Die Eröffnung müsse mit einem Paukenschlag geschehen, der überörtliches Interesse verursache. „Da muß die Stadt schon etwas investieren."
Obwohl es eine wunderbare Stadt ist, möchte ich nicht mehr zurück nach Hamburg, bekennt sie. „Eine kleine Großstadt wie Bergisch Gladbach bietet eine Lebensqualität, die eine richtige Großstadt niemals bieten kann." Die rheinische Mentalität empfindet sie als „sehr liebenswert. „Man darf nur nicht jedes Wort auf die Goldwaage legen."
Im Bergischen, wo die Politik nicht selten an der Theke gemacht wird, fühlt sie sich „wie zu Hause" und hat mittlerweile „richtig Spaß am Karneval". „Auch landschaftlich ist es hier wunderschön." 1970 haben sich die Arps in Frankenforst ein eigenes Haus gebaut, im Grünen und doch nur 15 Autominuten von Köln entfernt.

Ihr großes Hobby ist das Kochen, dem sie sich nicht nur dann widmet, wenn sich Gäste angemeldet haben.    Er.
DIE KOMMUALPOLITIKERIN Helga Arp steht nicht nur selbst am Rednerpult; sie kann auckzuhören und anderen Beifall klatschen.

Interessengemeinschaft von Geschäftsleuten schuf ein attraktives Zentrum

Händler gestalteten „Betonwüste" an der Schloßstraße mit
Rainer Hanisch spricht von gediegenem Publikum

Das sei „das Mahagoni-Schlafzimmer von Köln", so urteilten Spötter einst über Bensberg. Heute präsentiert sich die Innenstadt alles andere als im verschlafenen Zustand. In der Schloßstraße hat sich ein attraktives Einkaufszentrum entwickelt, das sich längst auch außerhalb der Region einen Namen gemacht hat.
Dazu beigetragen haben vor allem die Mitglieder der Interessengemeinschaft Bensberger Handel (IBM). Seit mehr als zehn Jahren engagieren sie sich für eine ansprechende Gestaltung der einst als Betonwüste bezeichneten Fußgängerzone. Einer, der praktisch von Anfang an mit dabei war, ist Rainer Hanisch (44), der Geschäftsführer des Kaufring-Kaufhauses. Zehn Jahre lang war er im IBH-Vorstand tätig.
Als Hänisch nach Tätigkeiten in Hamburg, Bonn, Bad Kreuz-nach und München am 10. September 1979 nach Bensberg kam, fand er „eine Vielzahl rühriger Einzelhändler" vor sowie viel Streit und Diskussionen um die Einrichtung einer Fußgängerzone. Auch mit der Infrastruktur, so Hanisch, sei es nicht zum besten bestellt gewesen. „Damals mußten wir einen Lastwagen mit Kartoffelverkauf aufs Parkdeck stellen, um ein bißchen mehr Frequenz zu bekommen. Heute dürfte man da kein Fahrrad mehr hinstellen."
Die „erste positive Überraschung" erlebte er mit den Bensbergern. „Es gibt hier ein sehr gediegenes Publikum, das ich in dieser Form und Vielzahl in anderen Städten noch nicht erlebt habe."
1979 etablierte sich dann auch die IBH. „Damals haben die Vorstandsmitglieder Familienausflüge gemacht, um zu sehen, wie man andernorts Stadtfeste arrangiert." Die dort aufgegriffenen Ideen, auf Bensberger Verhältnisse umgesetzt, machten die Großveranstaltungen (von der Autoschau über das Schloßstadtfest bis zum Weihnachtsmarkt) schnell zu Erfolgen. Mehrmals im Jahr strömen seitdem die Besucher in Scharen nach Bensberg. „Durch zugkräftige Feste, verbunden mit verkaufsoffenen Sonntagen, ist es uns gelungen, ein Publikum nach Bensberg zu holen, das Bensberg als Einkaufsstadt noch gar nicht kannte."
Daß die Stadtverwaltung nun „dirigistisch eingreift, Gebühren erhöht und die Zahl der Feste verringern will", kann er nicht verstehen. „Ich weiß nicht, warum man uns den Erfolg jetzt neidet. Das ist so, als wenn maneinen laufenden Motor während der Fahrt blockiert."
Naturgemäß hätten die Feste im Laufe der Jahre eine Eigendynamik entwickelt, die Organisa-, tion habe man in andere Hände geben müssen. „Wir haben die Notwendigkeit erkannt, andere Wege gehen zu müssen. Wir sind keine Pflichtveranstalter für Bürgerfeste." Bensberg sei schließlich vor allem durch die Lebendigkeit und Vielfältigkeit des Handels, der sich immer wieder nach außen darstelle, bekannt geworden. „Diese Massen holt kein anderer in die Innenstadt."
Obwohl er die Fußgängerzone unter dem Strich als „nicht so sehr gelungen" und „immer noch ein wenig unpersönlich" erachtet, gibt Hanisch doch zu, daß sich in den vergangenen Jahren einiges verbessert hat. „Mit dieser Fußgängerzone kann man leben", meint er heute —„aber nur sehr schwer damit, daß das Umfeld nach zehn Jahren noch immer nicht stimmt." So verhindere allein schon die topographische Lage, daß notwendige infrastrukturelle Maßnahmen durchgeführt werden. Hier denkt Hanisch unter anderem an mehr Parkplätze in zen traler Lage sowie an eine Verbesserung der Bus- und Straßenbahnverbindungen. „Um so höher ist es einzuschätzen, daß Bensberg als Einkaufszentrum so von sich reden machen konnte."
Dennoch gebe es etliche Branchen, die Kaufkraft abfließen lassen. Hier müsse man überlegen, wie man das Spiel der freien Marktwirtschaft positiv beeinflussen könne.
Aber auch für die Zukunft sei Bensberg sicherlich ein Standort, der noch einiges verspreche. Die Pläne für eine Erweiterung des Kaufring-Kaufhauses (im vergangenen Jahr wurde mit großem Aufwand die Lebensmittelabteilung umgestaltet) bestehen nach wie vor. „Ich bin sicher, daß wir hier in Bensberg noch nicht das gesamte Käuferpotential erreicht haben."    Er.

AN EXPONIERTER STELLE für den Bensberger Handel wirkt Rainer Hanisch, Kaufring-Geschäftsführer, seit rund zehn Jahren.

Kulturmittelpunkt Schloßstraße

Stadtfeste, Progymnasium, Stadtteilbücherei und Kino-Center setzten neue Akzente

Wer einige Jahre nicht in der Schloßstraße war, wird sich wundern, wieviel sich im Herzen Bensbergs getan hat. Die Gegend unter dem Affenfelsen — dem Rathaus — ist nach und nach zum kulturellen Mittelpunkt geworden. Das begann mit den Aktivitäten der Einzelhändler — man denke an die Stadtfeste —, dann setzten die ersten Veranstaltungen im Progymnasium weitere Akzente. Und dann kamen — erst vor ein paar Monaten — die Eröffnung der Stadtteilbücherei und die Einweihung des Kino-Centers hinzu.
Wer in die Schloßstraße geht, tut das keinesfalls mehr nur zum Einkaufen — obwohl die Qualität des Angebots, die Zahl der Fachgeschäfte und die Bemühungen der Geschäftsleute sich sehen lassen können. Vieles, was man vor ein paar Jahren noch in der benachbarten Großstadt suchen mußte, findet man inzwischen bequem und in reichhaltiger Auswahl in der Schloßstraße und drumherum.
Zu einem Zentrum ganz besonderer Art hat sich das Progymnasium gemausert, die ehemalige Schule, deren neue Nutzung nun Schule machen könnte. Der Deutsche Paritätische Wohlfahrtsverband hat dort seinen Sitz. Und weil der DPWV das Dach bildet für die vielfältigsten Initiativen und Organisationen, ist auch die Gruppe derer, die sich dort zusammenfinden, kunterbunt und interessant. Die Rheuma-Liga hat dort ihren Sitz und hält dort Sprechstunden ab. Die Jazz-Initiative lädt einmal im Monat (immer am ersten Freitag) zum Jour fixe mit Live-Musik ein.
Im Café „Pro", im Keller des  altehrwürdigen Hauses, treffen sich junge Leute, unter anderem eine Gruppe Zivildienstleistender. Im Erdgeschoß laufen die Aktivitäten für Senioren: In der Altentagesstätte, die auch die Werkräume für Keramik, Malen und Batiken nutzt, treffen sich montags bis freitags ältere Menschen; ein stationärer Mittagstisch hat viele Freunde gefunden. Kurse werden veranstaltet, Vereine treffen sich dort —zum Feiern oder zur Vorbereitung von Aktivitäten. Der Arbeitskreis der Künstler Bergisch Gladbach organisierte dort einen Tag voller Kunst ...
Der Mief von Kreide undAngstschweiß früherer Schülergenerationen ist lange gelüftet.
Im Obergeschoß fühlt sich eine Wohngruppe von Behinderten wohl. Ebenfalls im Progymnasium untergebracht ist eine Werkstatt für Behinderte in. der ersten Etage. An modernen Büroarbeitsplätzen, die mit Computern ausgestattet sind, lernen und arbeiten junge Erwachsene zeitgemäß. Der Belgisch-Deutsche Briefmarkenverein hält dort seine Treffen ab. Die Liste ließe sich fortsetzen, es können stets nur Beispiele genannt werden für die kunterbunten Angebote im Progymnasium.
Lange ersehnt war auch die Stadtteilbücherei in der neuerrichteten Schloß-Passage, die mit ihrer zeitgemäßen Architektur eine Baulücke schloß, die jahrelang nicht genutzt wurde. Leseratten kommen nun an einem zentralen Punkt zu ihrem Recht. Die Zahl der Leserinnen und Leser, die täglich die Bibliothek nutzen, spricht Bände.
Kinofreunde, die sich sonst nur bedauernd seufzend auf den Weg nach Köln machten, können nun auch Fahrgeld und Zeit sparen. Die filmtheaterlose Zeit in Bensberg ist dank privaten Engagements endlich wieder vorbei.
Wenn Politiker den Saal im Bensberger Rathaus nicht nutzen, zieht auch dort so manches Mal die' Kultur ein: Konzerte nicht nur unter städtischer Regie machen aus dem Raum ein Forum für Musik. Auch Ausstellungen moderner Kunst laden hin und wieder zum Verweilen ein.
Daß auch das Museum für Bergbau, Handwerk und Gewerbe gleich „ums Eck" seinen Sitz hat, wissen nicht nur Fachwerkfreunde zu schätzen. Last, but not least sei auch der „Hexenkessel" in der Gartenstraße erwähnt — das Zentrum von „Frauen helfen Frauen".    Ce.

IN EINIGEN WOCHEN werden sich Passanten bei frühlingshaften Temperaturen wieder Zeit nehmen, wenn sie durch die Schloßstraße schlendern, wo Bänke und Grün zum Verweilen einladen.

Von Fußball und Handball bis zum bayerischen Eisstockschießen reicht das Angebot

Sportvereine mischen kräftig mit
Basketballer, Rhönradturnerinnen, Tennisspieler, Rennbootfahrer und Reiter sind spitze

Der Laie staunte, die Experten  wunderten sich — da stand 1987 plötzlich eine Mannschaft im deutschen Damenbasketball-Pokalfinale, von der bis dato nur wenige Notiz genommen hatten: der Turnverein .Bensberg. Zwar kassierten die Schloßstädterinnen gegen den Bundesligisten Sportgemeinschaft München eine deutliche Niederlage, doch allein schon die Qualifikation für das Endspiel war eine Sensation, die kaum einer für möglich gehalten hatte.
Basketball ist eine der dominierenden Sportarten in der Schloßstadt und in ihrer Umgebung. Nicht nur die Bensberger Korbjägerinnen, die sich in dieser Saison für die Teilnahme an der Aufstiegsrunde zur Bundesliga qualifiziert haben, das hoch-gesteckte Ziel aber wohl nicht erreichen werden, sorgen für Furore. In der Regionalliga der Männer mischt der Turnverein Herkenrath noch kräftig mit, was die .Meisterschaft und den Aufstieg in die 2. Bundesliga betrifft. Und das als Aufsteiger!
Der TV Bensberg, mit rund 2000 Mitgliedern einer der größten Vereine im Stadtgebiet, erwarb sich jedoch nicht nur im Basketball einen Namen. Auch die Rhönradturnerinnen blicken auf eine lange Liste an Erfolgen zurück. Die Chronik erwähnt eine Reihe von deutschen Titeln in den Einzel- und Mannschaftswettbewerben. Zeitweise schienen die Bensbergerinnen auf die deutsche Meisterschaft oder zumindest vordere Plazierungen fast schon abonniert zu sein. Erst kürzlich konnten sie wieder eine deutsche Vizemeisterschaft feiern.
Einen Aufschwung gab's in den letzten Jahren auch beim Tennisclub Grün-Gold Bensberg. War die Seniorenmannschaft schon seit geraumer Zeit in der höchsten deutschen Spielklasse, so eiferten die Damen des Vereins ihr erfolgreich nach. Der Klassenerhalt während der Feldsaison war gegen einige der stärksten Mannschaften Deutschlands zwar nur ein Traum, doch in der Winterrunde konnten sich die Grün-GoldMädchen gegen die Konkurrenz behaupten.
Seit Jahren gilt die Jugendabteiung des Klubs als regelrechte Talentschmiede. Doch wenn die Teenager nationales Niveau erreichen, lockt das Geld der Großvereine oder die Chance, höherklassig zu spielen. Letztes Beispiel war der talentierte Scott Gessner, der jetzt für den RTHC Leverkusen spielt und die Nummer eins der Mittelrhein-
Rangliste seiner Altersklasse ist. Direkt hinter ihm rangiert der Bensberger Arnd Caspari auf Platz zwei. In der nationalen Rangliste nimmt er den 17. Platz ein.
Absolute Spitze in Deutschland ist das Outboard Racing-Team Bensberg. Die jungen Rennbootfahrer und -fahrerinnen, die sich um den Exweltmeister Eckehard Knape geschart haben, machen immer häufiger auf sich aufmerksam und dominieren derzeit vor allem die Jugendklassen. Claudia Knape, die Tochter des Bootsbauers, ist schon auf dem besten Weg, die gleichen Meriten wie ihr Vater zu erwerben. Bei der deutschen Meisterschaft fuhr sie so manchem Vertreter des männlichen Geschlechts davon.
Mit einer Pferdestärke kamen hingegen die Reiter des Reitervereins Eicherhof in Bärbroich zu Ruhm und Ehren. Besonders die Brüder Alois und Elmar Pollmann-Schweckhorst konnten das eine oder andere schwere Springen für sich entscheiden. Der jüngere Alois hat möglicherweise sogar eine Zukunft auf internationaler Bühne vor sich. Erst kürzlich wechselte er aus dem Stall von Bundestrainer Hans-Günther Winkler zum Gehöft von Alwin Schockemöhle und strebt die Mitgliedschaft in der Nationalequipe an.
Recht vielfältig ist das übrige Sportangebot in Bensberg. Führend im Fußball sind die Bezirksligisten Bensberger Fußballverein und Sportverein. Refrath, Aushängeschilder des Turnvereins Refrath sind die Volleyballer, Fechter und Nachwuchsturnerinnen, im Radsport läßt von Zeit zu Zeit der Radsportverein „Staubwolke" Refrath aufhorchen, und die Puckjäger des Eissportclubs Bergisch Gladbach sorgen an der Saaler Mühle für Tore und Bodychecks, während der Eisstock-Club Bergisch Gladbach an gleicher Stätte regelmäßig einer bayerischen Leidenschaft frönt. Und wer auf den .Spuren der früheren Bensbergerin Renate Kraus, vielfache Deutsche Meisterin auf der Mittelstrecke, wandeln will, hat in Bensberg eine große Auswahl an Vereinen, die Leichtathletik anbieten.

Die Bensberger Sportkegler-Gemeinschaft, die Schachfreunde Bensberg, der Segelclub Bensberg, der Schwimmverein Bensberg oder die Tischtennis-Clubs in Bärbroich und Bensberg bieten weitere Gelegenheiten, sich sportlich zu betätigen. Und nicht übersehen darf man die Behinderten-Sportgemeinschaft in der Schloßstadt, die Rehabilitationssport, Breitensport, aber auch Leistungssport anbietet und schon einige Pokale in ihrer Vitrine stehen hat.
VVer in Bensberg etwas gegen die Bewegungsarmut tun oder Medaillen und Urkunden gewinnen will, findet in der Angebotspalette der Vereine mit Sicherheit die richtige Sportart. Diejenigen, die sich auf die faule Haut legen, können als Entschuldigung jedenfalls nicht angeben, daß in Bensberg nichts geboten werde.    Ma.

In Bensberg von Kindesbeinen an

Eine Frau registriert Entwicklung zur Exklusivität mit gemischten Gefühlen

Bensberg wird immer exklusiver. Hier entstehen immer wieder neue Geschäfte und Boutiquen, und immer mehr großzügige Eigenheime werden gebaut", sagt Andrea Gitz, die schon von Kindesbeinen an in der Schloßstadt lebt. Auch ihr Ehemann ist mittlerweile zugezogen. Dieser Entwicklung sieht sie mit gemischten Gefühlen entgegen. Früher, so sagt sie, sei es gemütlicher in der City gewesen und bedauert, daß viele alte Häuser dem Ausbau der Schloßstraße zum Opfer gefallen sind. Durch die neue Bebauung und die großen Wohnblöcke gebe es doch mehr Rummel. Aber auch Vorteile bringen die Veränderungen für sie mit: „Ich brauche nun nicht mehr nach Köln zu fahren, wenn ich einkaufen möchte. Es gibt inzwischen fast alles auch hier." Bis auf Kindermoden: Da fehle es noch an preiswerten Geschäften.
„Freizeitmöglichkeiten gibt es reichlich in Bensberg und Umgebung", findet sie. Mit ihrer Familie nimmt sie zum Beispiel gern die vielseitigen Sportangebote des Turnvereins an oder geht an der „Saaler Mühle" schwimmen.
Re.

DIE RHÖNRADTURNERINNEN des Turnvereins Bensberg haben sich mit ihrem graziösen und doch kraftvollen Sport weit über die lokalen Grenzen hinaus einen Namen gemacht.

ANDREA GITZ sieht mit gemischten Gefühlen der Bensberger Zukunft entgegen.

Die Kondition am künstlichen See verbessern

Wer frühmorgens um den Saaler Mühlenteich joggt, muß sich seinen Weg schon mal durch Kanada-Gänse bahnen
Ein Naherholungsgebiet für jung und alt

Wer frühmorgens um den Saaler Mühlenteich joggt, der muß seinen Weg schon mal durch Scharen von schlafenden Kanadagänsen bahnen, die den Frühaufsteher aus einem Auge anblicken, sich aber ansonsten in ihrer Ruhe nicht stören lassen. Steht er allerdings etwas später auf, ist er gewiß nicht mehr der einzige, der um den See unterwegs ist. Ob andere Sportler, die wie der Jogger hier ihre Kondition verbessern (zum Beispiel auch die mehrfache Deutsche Meisterin Brigitte Kraus) oder ältere Menschen, die in geruhsamem Tempo spazierengehen wollen, alle werden sie von dem künstlich angelegten See angezogen. Hat der Jogger die Wasserfläche mit den zwei bewaldeten Vogelschutzinseln dann einmal umrundet, so weiß er, daß er 1,7 Kilometer geschafft hat.
Für jung und alt ist der „Saaler See" wie die gesamte Naherholungsanlage an der Saaler Mühle Ziel von Tagesausflügen oder verschiedensten Unternehmungen geworden. Nicht nur Bensberger Bürger nutzen das Freizeitangebot der Saaler Mühle. Angelockt werden auch Besucher aus dem gesamten Gebiet der Stadt Bergisch Gladbach, aus Köln oder Nachbargemeinden im Rheinisch-Bergischen Kreis.
Das Erholungsgebiet an der Saaler Mühle erstreckt sich auf einer Fläche von einer Million Quadratmetern und wurde 1962 von der Stadt Bensberg erworben. Bis zum Jahre 1972 wurden dort das Hallenbad und das Schulzentrum mit Hauptschule, Realschule und Gymnasium und den dazugehörigen Außensportanlagen (Sportplatz mit Fußballfeld, Tennisplätze, Sporthalle und zwei Gymnastikhallen) gebaut.
Geplant wurde damals auch die Gesamtanlage mit der großen Wasserfläche, dem Wellenfreibad, Spielplätzen, Liegewiesen, Schutzhütten, einer Grill-hütte, Parkplätzen, Wanderwegen und Trimm-dich-Pfaden; die Anlage wurde 1973 fertiggestellt. Wäre das „Projekt Saaler Mühle" nicht von der Landesregierung mit 75 Prozent gefördert worden, so wäre es der Stadt nicht möglich gewesen, die Anlage zu finanzieren. Maßgeblich für die Anerkennung als Förderungsmaßnahme war die günstige Verkehrsanbindung des Gebietes (Straßenbahn Bensberg-Köln, Golfplatzstraße, K 27, B 55). Darüber hinaus versprach man sich eine Entlastung des Königsforstes.
Was zu Beginn der Arbeiten zur Anlegung des Sees zunächst in eine Art Mondlandschaft verwandelt wurde, ließ sich nach und nach von Raupen und Baggern gestalten: Um den See, der vom Milchbornbach gespeist wird, wurde ein sandgeschlemmter Weg trassiert. Rasenflächen, Böschungen, Mulden und Kuppen sollten sich möglichst in die topographischen Verhältnissen des Gebiets einpassen. Auf künstliche Baustoffe wurde weitgehend verzichtet.
Zum Baden allerdings ist der Saaler See nicht geeignet (zumindest zur Zeit noch nicht), da über den Milchbornbach unter anderem sogar Abwasser aus Privathaushalten einläuft. Um die Wasserqualität zu verbessern und der Algenbildung entgegenzuwirken, wurde der See mit Gras- und Silberkarpfen besetzt. Es tummeln sich aber auch Aale, Karpfen, Regenbogenforellen und Hechte in dem Gewässer, das an den Angelsportverein Refrath verpachtet ist.
Gefeiert werden kann dort im übrigen auch, und zwar von jedermann: Für 50 Mark pro Tag ist die Grillhütte von der Stadt zu mieten, in der für rund 50 Personen Platz vorgesehen ist. Derweil können Kinder auf den Spielplatz oder in mitgebrachten Schlauchbooten auf dem See paddeln. Auch das Füttern der Wasservögel ist erlaubt.
Wer es lieber sportlicher hat, weicht aus auf die umliegenden Sportanlagen. Zum Hallenbad hinzugekommen ist 1977 das Wellenfreibad. Innenbecken und Außenbecken sind durch einen Schwimmkanal miteinander verbunden. Zum Freibad gehören: Ein Wellenbecken von 20 mal 50 Meter Größe sowie ein Schwimmerbecken (15 mal 25 Meter) und zwei Planschbecken. Entspannen kann man im Ruheraum des Hallenbades, dessen zehn Solarienkabinen zu den modernsten der Umgebung gehören, oder in der medizinisch betriebenen Sauna.
Zuletzt zu der Anlage hinzu  kam 1980 die Eissporthalle, auf deren Eispiste (30 mal 60 Meter) Eisläufer von nah und fern ihre Pirouetten drehen. Der Eishockeyclub Bergisch Gladbach (Eishockey, Eiskunstlauf und Eistanz) und der hiesige Eisstockschießverein sind dort aktiv. Zum „Aprés-Eis" trifft man sich in der Pistenbar, der Spielhalle oder der Pistenboutique. Spaziergänger von draußen wie auch Sportler können sich in den Cafeterien von Eishalle und Schwimmbad stärken.
Es gibt wohl nicht mehr viel, was im Gebiet Saaler Mühle noch fehlt. Allerdings: Die Planung ist so ausgerichtet worden, daß „Anregungen aus der Bürgerschaft, von Verbänden und Jugendorganisationen zur Einrichtung verschiedener Teile berücksichtigt werden können. Erweist es sich als notwendig, daß an verschiedenen Punkten Sondereinrichtungen geschaffen werden müssen, so ist dies immer noch möglich."
Was also wollen die Bürger noch mehr?    Re.

WEGEN DER NAHE ZUM WOHNGEBIET und der guten Verkehrsanbindung durch Straßenbahn und Bus gehen ältere Mitbürger gern an der Saaler Mühle spazieren. Das Naherholungsgebiet mit seinen Freizeiteinrichtungen wird überhaupt gut angenommen.

Ein Dorf am Rande der Stadt

Herkenrath hat sich seinen Charakter trotz rascher Bevölkerungszunahme bewahrt
Gute Infrastruktur Die Grenzen zwischen Alt- und Neubürgern verschwimmen

Wer Lebensqualität sucht, findet sie in vielen Varianten in Herkenrath. Auf den südöstlichen Höhen Bensbergs, auf denen ein leichtes Reizklima der Gesundheit dienlich ist, hat sich dörflicher Charakter erhalten, obwohl sich in den letzten Jahren manches verändert hat. Da wurden Straßen und sogar ganz neue Viertel gebaut, die erheblich das Gesamtbild des Ortes mitbestimmen. Aber zum Glück haben hier die Städteplaner nicht in die Höhe gebaut, sondern Einfamilienhäusern den Vorrang gegeben. In viel Grün eingebettet, bieten die Wohnviertel heute einen recht erfreulichen Anblick.
Neben der alteingesessenen Bevölkerung im Dorf haben sich viele Neubürger rings um den alten Herkenrather Kern angesiedelt; suchten oft in einer schönen Wohnlage Zuflucht vor Großstadtlärm und Luftverschmutzung.
Im Laufe der Jahre haben sich so manche Grenzen zwischen Alt- und Neubürgern verwischt, Barrieren wurden abgebaut und die Neuen sind in der Regel bestrebt, ihr Dorf ebenfalls als ihre Heimat darzustellen.
Der Zustrom stadtmüder Zuwanderer ließ die Kopfzahl der Bevölkerung schnell wachsen, ohne den dörflichen Rahmen zu sprengen. In den neuen Ortsteilen herrscht heute reges Leben.
Auch kleine und größere Un- ternehmen haben sich nach dem letzten Krieg vermehrt in Herkenrath niedergelassen und bieten manchem Bürger Arbeit und Brot, ohne daß auch durch sie das Herkenrather Ortsbild darunter zu leiden hätte.
Für die am Ort wohnenden Mitarbeiter gibt es noch einen weiteren Vorteil: Sie brauchen nicht zu ihren Arbeitsplätzen zu pendeln. Für die Glücklichen, die nicht mit dem Auto oder den Nahverkehrsmitteln zur Arbeit und zurück fahren müssen, ein weiteres Stück Lebensqualität.
Herkenrather haben auch, mit Freude festgestellt, daß sie zum Einkaufen nicht mehr unbedingt ihr Dorf verlassen müssen. In dieser Hinsicht hat sich eine beachtliche Infrastruktur entwikkelt. Von Superläden und Apotheken bis hin zu den Friseuren und mehreren gut geführten Gaststätten reicht hier das Angebot für fast alles „Lebensnotwendige". Die ärztliche Versorgung ist durch mehrere Praxen auf fast allen medizinischen Gebieten gesichert. All das macht „Reisen" ins Umland überflüssig. Auch das ist ein Stück Lebensqualität.
Wer sich kulturell in der Freizeit beschäftigen möchte, findet in Herkenrath ebenfalls dazu Gelegenheit. Nicht nur die Volkshochschule hält im Schulzentrum Kurse vielfältiger Art ab, auch die Ortsvereine sind bemüht, einiges zu bieten. Da ist zum Beispiel das Herkenrather Männerquartett, das als Meisterchor einlädt, weit und breit Ansehen genießt und anspruchsvolles Liedgut pflegt. Wer gutbei Stimme ist, mag dort sein Talent pflegen. Auch der Chor „Contrapunkt — junge Sänger Herkenrath" lädt die Jugend zu sinnvollem Gesang ein und bildet junge Stimmen aus.
Abwechslung bieten mehrere  Sportvereine, eine Schützenbruderschaft und die Karnevalsgesellschaft „Schwarz-GoldWeiß"; sie alle hinterlassen im kulturellen Leben des Dorfes ihre Spuren. Der Herkenrather Turnverein, der mit weit über tausend Mitgliedern fast alle Sportarten abdeckt, ist aus dem Leben am Ort nicht mehr fortzudenken; wie übrigens auch nicht der Tischtennisclub Bärbroich, der durch viel Eigeninitiative nicht nur sportliche Höchstleistungen bringt und eine große Jugendabteilung unterhält, sondern mit seiner Freizeitgruppe Tischtennissport auch für alle Altersgruppen möglich macht.
Was aber wäre Herkenrath ohne seine alte Kirche im Zentrum. Wuchtig reckt sich ihr Turm aus romanisch-mittelalterlicher Epoche in den Himmel und kündet dem Anreisenden schon von weitem, wo Herkenrath liegt.
Die katholische Kirchengemeinde St. Antonius Abbas pflegt wie auch die jüngere evangelische ein reges Gemeindeleben. Beide sind bestrebt, nicht nur dem Seelenheil zu dienen, sondern auch im zwischenmenschlichen Bereich neue Wege zu gehen. Dabei spielt das katholische Pfarrheim an der Haupt- und Geschäftsstraße „Ball" — sie soll verkehrsberuhigten Zeiten entgegengehen —eine wichtige Rolle.    Kl.

IM MITTELPUNKT Herkenraths steht der Kirchturm aus romanischer Zeit; er gibt Kunde von der historischen Vergangenheit.

„Leben am Rande des Bergischen Landes"

Der Lehrer Joachim Borchert hat vor fünf Jahren sein Domizil nach Bensberg-Moitzfeld verlegt, weil er am Rande zum Bergischen Land leben möchte. „Eine gewisse Distanz zum Ar- beitsplatz" zu schaffen, hatte er auch beabsichtigt, als er mit Frau Andrea und Baby Vera andas Tor zum Bergischen Land zog. Die Schule, an der Joachim Borchert unterrichtet, liegt in Bergisch Gladbach.

Für ihn und seine Familie ist es wichtig, daß es viele Grünflächen gibt und die Stadt von Natur umgeben ist. „Wir gehen häufig in Bensberg einkaufen",berichtet er. Doch störend für den Spaziergang mit Kinderwagen seien die vielen Treppen, die angelegt worden sind. „Besonders die Freizeitmöglichkeiten haben sich gemausert", findet er und weist auf das neue Kino hin. Das einzige Problem: „Zu wenig Zeit".    Re.

In Gladbach das Abitur gemacht

Hans-Joachim Franke wurde im Mai 1973 Bensberger Beigeordneter
Erster Beigeordneter Dr. Hans-Joachim Franke ist 49 Jahre alt und in Breslau geboren. Seine Ehefrau Sylva, eine waschechte Rheinländerin, stammt aus dem Linksrheinischen, dem früheren Erftkreis. Das Ehepaar lebt mit vier Töchtern und zwei Söhnen seit Anfang 1981 in Bensberg. Davor wohnte die Familie in Refrath und Bergisch Gladbach, wo Franke aufwuchs und 1959 am städtischen Gymnasium das Abitur ablegte. Seine Eltern waren nämlich nach den Kriegs- und Kriegsfolgeereignissen schließlich 1950 nach Bergisch Gladbach gelangt, wo der Vater beim städtischen Bauamt eine Anstellung fand und als Leiter des städtischen Hochbauamtes etwa ein Jahr vor der kommunalen Neugliederung pensioniert wurde.
Nach Bundeswehr und Studium der Rechtswissenschaften in Köln war Franke als Rechtsreferendar im Landgerichtsbezirk Köln tätig, u. a. am Amtsgericht Bensberg und beim Stadtdirektor Bergisch Gladbach. Da ihn der höhere Kommunaldienst interessierte, begann Franke 1969 seine Berufslaufbahn als städtischer Rechtsassessor beim Rechtsamt der Stadt Leverkusen. Als persönlicher Referent des seinerzeitigen Oberstadtdirektors Dr. Walter Bauer konnte er an wichtigen gesamtstädtischen Projekten mitwirken, vor allem auch die komplexen Fragen kennenlernen, die die anstehende kommunale Neugliederung betrafen.
Anfang Mai 1973 trat Franke als Beigeordneter der Stadt Bensberg seinen Dienst an. Die Ergebnisse der kommunalen Neugliederung bewirkten, daß die Verwaltungsspitze der ehemaligen Stadt Bensberg sich als Beigeordnetenkollegium der neuen Stadt Bergisch Gladbach wiederfand.
Frankes Dezernat umfaßt die Bereiche Schule, Kultur, Soziales, Jugend und Sport. 1985 wurde er für acht Jahre wiedergewählt, nach dem Tode des Ersten Beigeordneten Alexander Lammers (Stadtdirektor a. D.) zum Ersten Beigeordneten bestellt (allgemeiner Vertreter des Stadtdirektors), Franke ist Mitglied der CDU.

Die Stadtteile wollen ihr selbstbestimmtes Leben

Dezernent H.-J. Franke antwortet dem „Kölner Stadt-Anzeiger"
„Bensberger Bürger können sich ein höheres Anspruchsniveau leisten” — „Das Ärgerliche sind die Details"

Herr Dr. Franke, mit 33 Jahren  wurden Sie 1973 Erster Beigeordneter der Stadt Bensberg. Ostern 1973, kurz vor Ihrem Amtsantritt, veröffentlichte der „Kölner Stadt-Anzeiger" folgenden Text:
„In Bensbergs Rathaus hält man nicht viel davon, eine Stadt-Ehe mit Bergisch Gladbach zu schließen. Das hat man gehört. Vom geistigen Potential der Nachbarstadt zu profitieren scheint weniger unerwünscht zu sein, wie die Wahl des neuen Bensberger Beigeordneten und Nachfolgers von MdB Bertram Blank erweist; Hans-Joachim Franke (33) kann von sich sagen: „Ich bin ein Bergisch Gladbacher." Und das mit Fug und Recht, denn er ist zwar in Breslau geboren, aber in der Kreisstadt aufgewachsen und zur Schule gegangen. Was die strittige Städtefusion betrifft, äußert er sich freilich mit der gebotenen Zurückhaltung. 'Sie wäre nicht so einfach, wie sie auf den ersten Blick aussieht', meint er. Aber: 'Der Status quo hat sicherlich von allen Möglichkeiten der kommunalen Neugliederung die geringsten Chancen. Die Aversionen, die es angeblich zwischen Bensbergern und Bergisch Gladbachern seit Jahrhunderten geben soll, hält er für einen Aberglauben. 'Entscheidend für den Bürger ist gute Versorgung in einem überschaubaren Verwaltungsbereich. Jeder muß das Gefühl haben, daß die Dinge richtig laufen, und jeder muß auch über den Lauf der Dinge richtig informiert sein."
Frage: Als Sie am 2. Mai 1973 in Bensberg Ihren Dienst antraten, lag die knapp zwei Jahre später — zum 1. Januar 1975 —erfolgende Städtefusion von Bensberg und Bergisch Gladbach förmlich in der Luft. Was hat Sie veranlaßt, sich um die Stelle des Ersten Beigeordneten in Bensberg zu bewerben, obwohl Sie nicht wissen konnten, wie es mit Ihnen nach der kommunalen Neugliederung beruflich weitergehen würde?
Franke: Militärisch formuliert: Die Beurteilung der Lage!
Ein Risiko konnte. ja nur für den Fall der Zusammenlegung beider Städte entstehen. Durch meine Tätigkeit bei der Stadt Leverkusen hatte ich einen Einblick in die Vorstellungen der Landesbehörden und die Wahrscheinlichkeit bestimmter zu erwartender Verfahrensabläufe erhalten. Sicher war auch von Vorteil, daß ich die Verhältnisse des hiesigen Raumes einigermaßen kannte. Aus meiner Sicht war es ein unausweichliches, letztlich aber vertretbares Risiko.
Frage: Wie haben Sie „die Bensberger" vor und nach der Fusion mit Bergisch Gladbach kennengelernt? Gibt oder gab es tatsächlich derartige Unterschiede zwischen den Bürgern, daß man mit Fug und Recht vom „Bensberger" im Gegensatz zum „Bergisch Gladbacher" sprechen kann oder zumindest sprechen konnte?
Franke: Der behauptete Gegensatz von „Bensbergern" und „Bergisch Gladbachern" relativiert sich stark, wenn man die Bevölkerungsentwicklung dieses Raumes betrachtet. 1939 hatte Bensberg etwa 15 700 Einwohner, Bergisch Gladbach etwa 22 300. Der Zuzug infolge der Kriegs- und Kriegsfolgeereignisse bewirkte einen Anstieg auf etwa 35 000 in Bensberg und etwa 45 000 in Bergisch Gladbach (1964). Die ungebrochene wirtschaftliche Entwicklung des Großraumes Köln verursachte eine weitere starke Bevölkerungszunahme, wobei sich der bergische Raum als bevorzugtes Siedlungsgebiet herausstellte (1974: Bensberg etwa 48 000 Einwohner, Bergisch Gladbach etwa 55 000 Einwohner). Bei vielen Stadtteilen ist der Anteil der ursprünglich ansässigen Bevölkerung gering bis sehr gering. Historisch bedingte Gegensätzlichkeiten zwischen „Bensbergern" (Stadtrechte 1947) und „Gladbachern" (Stadtrechte 1856) sind längst eingeebnet zu Eigenarten, Charakteristika einzelner Stadtteile, die man nicht missen möchte. Gegensätze? Nein! Aber gelungene Integration von Neubürgern, die die dynamische Entwicklung dieses Raumes im Nachkriegsdeutschland kennzeichnet.
Frage: Wie steht es mit Ihrer These zum Beginn Ihrer Bensberger Amtszeit: Entscheidend für den Bürger ist gute Versorgung in einem überschaubaren Verwaltungsbereich? Gibt die Stadtverwaltung heute dem Bürger das Gefühl, „daß die Dinge richtig laufen", und bietet die Stadtverwaltung heute die Gewähr, daß sich jeder über den Lauf der Dinge richtig informieren kann oder daß jeder über den Lauf der Dinge richtig informiert wird"?
Franke: Ich stehe nach wie vor zu meiner These. Sie sollte allerdings weniger als Zustandsbeschreibung verstanden werden, sondern mehr als Aufgabenbeschreibung. Wenn wir ehrlich sind, ist das Versorgungsangebot in unserer Stadt ausgezeichnet, was nicht heißt, daß es nicht gerade deshalb immer neue und weiterreichende Wünsche gibt. Ich möchte auch nicht in Abrede stellen, daß es Ausstattungsdefizite gibt. Aber die Richtung insgesamt stimmt: In vielen Bereichen können wir uns ein höheres Anspruchsniveau leisten und versuchen, entsprechende Angebote zu realisieren.
Das Ärgerliche sind Details. Der Bürger, der dringend z. B. für sein Kind einen Hortplatz sucht und nicht findet, hat nicht das Gefühl, daß die Versorgung ausreicht und die Dinge richtig laufen. Der Bürger, der sein Kind in Bensberg zur Gesamtschule schicken möchte, ist zutiefst erregt, daß die Verwaltung auf das reichhaltige Platzangebot an der Integrierten Gesamtschule in Paffrath verweist. Es ist eine ständig neu zu leistende Aufgabe, die Angemessenheit der Forderungen der Bürger zu werten und zu gewichten.
Kann die Verwaltung die Gewähr bieten, daß jeder Bürger sich richtig informieren kann? Auch hier: im Prinzip ja. Aber das schließt nicht aus, daß es im Einzelfall recht mühevoll, um nicht zu sagen mühselig ist. Die Informationspolitik der Stadt ist sicherlich verbesserungsfähig.
Frage: Nachdem Sie als Gladbacher in Bensberg die „Schlo ßstadt" näher kennengelernt hatten, verlegten Sie Ihren Wohnsitz zunächst nach Refrath und später an die Saaler Straße nach Bensberg. Pflegen Sie oder ihre Familie Kontakte mit Anliegern in Ihrer Wohnumgebung? Fühlt man sich dort als „Bensberger", als „Bergisch Gladbacher" oder einfach nur als Bürger, der dort wohnt, weil man in der Nähe seines Arbeitsplatzes wohnen muß, und den die Kommunalpolitik nicht interessiert?
Franke: Kommunalpolitik ist ein Thema, das den Bürger in Bergisch Gladbach durchaus interessiert, gerade auch, wenn er in Bensberg wohnt. Irgendwie wirkt hier doch noch die kommunale Neugliederung mit ihren Folgen nach. Man möchte stärker auf die Gestaltung und das Geschehen im Stadtteil Einfluß nehmen. Man fühlt sich vernachlässigt, nicht, weil man es wäre, sondern, weil auch andere Interessen das Geschehen entgegen früher bestimmen und der Interessenausgleich auf höherer Ebene, nämlich der der Gesamtstadt, erfolgt.
Insoweit fühlen sich auch meine Bekannten in Bensberg bewußt als Bensberger, denen in diesem Sinne das Selbstbestimmungsrecht und die Möglichkeit der verantwortlichen Gestaltung eines eigenständigen Gemeinwesens genommen ist. Aber, wie Sie wissen, fühlen sich in diesem Punkt schon die Refrather, Herkenrather und Moitzfelder anders — sie waren auch früher schon Bürger im Stadt- und Ortsteil. Nicht umsonst wird hier und da noch von einem Gegensatz zwischen Bensbergern und Refrathern gesprochen, den mancher in Rat und Verwaltung in den fünfziger und Anfang der sechziger Jahre im früheren Bensberg erlebt hat.
Im übrigen erwartet der Bürger von der Kommunalpolitik vor allem konkrete Sachentscheidungen zu konkreten Sachproblemen. Ein großer Teil auch der Bensberger Bürger ist Wohnsitzbürger: d. h., er betrachtet das Kommunalgeschehen aus der Interessenlage eines möglichst ungestörten Wohnens. Hier schätzt er zwar die vielfältige verkehrsmäßige Anbindung, andererseits möchte er für seinen Wohnsitz möglichst Ruhe, insbesondere was Verkehrslärm angeht.
Auch die Freude über gute Ausstattung mit Einrichtungen der Daseinsvorsorge (Bäder, Sportplätze, Kinderspielplätze, Kindertagesstätten, Jugendeinrichtungen) hält sich in Grenzen, wenn dadurch die eigene Wohnruhe beeinträchtigt wird. Die Realitäten zwingen den Bürger in Bensberg, diese Spannungen auszuhalten, aber er hofft, durch geschickte Wahrnehmung seiner Anliegen und Interessen, manches zu verhindern, was seinen Erwartungen und Anforderungen an eine Wohngemeinde zuwiderläuft.
Frage: Sie sind ja nun nicht nur Erster Beigeordneter der teilweise jungen Großstadt Bergisch Gladbach, sondern auch Oberhaupt einer großen Familie. Ihre Frau soll recht aktiv in einer Jedermann-Turngruppe ' des TV Refrath sein.
Nutzen Sie selbst auch das Freizeitangebot von Vereinen oder genießen Sie wenigstens die Naturlandschaft, die sich gerade in Bensberg noch an vielen Stellen bis in den innerstädtischen Bereich hineinzieht, wenigstens bei Spaziergängen?

„Ein bevorzugter Stadtteil"
Franke: Den Nachteilen, an der Saaler Straße zu wohnen, stehen die Vorteile gegenüber, die ein Wohnen im Stadtteil Bensberg mit sich bringt. Bensberg ist ein unter Standortgesichtspunkten in jeder Hinsicht bevorzugter Stadtteil. Dies stellen wir in unserer Familie immer wieder fest, wenn es um Dinge des alltäglichen Lebens geht, wie Einkaufen, Freizeitgestaltung oder auch die verkehrsmäßig günstige Anbindung an die Umgebung.
Ich persönlich schätze vor allem den fast geschlossenen Grüngürtel: die Hardt, die Naherholungsanlage Saaler Mühle, den Königsforst. Jede dieser Grünzonen hat einen eigenen typischen Charakter, und je nach Stimmungslage zieht -es die Familie einmal da- oder dorthin. Daß Refrath ein Stadtteil im Grünen ist und Herkenrath den Vorteil eines Ortsteils in offener Landschaft genießt, das ist gerade das Motiv vieler Neubürger, wenn sie in diese Stadtteile ziehen.
Einen besonderen Stellenwert in Sachen Freizeitgestaltung haben die ortsansässigen Vereine und Gruppen erlangt. Wie bekannt, sind die Sportvereine leistungsstark mit hohen Mitgliederzahlen. Die Männergesangvereine pflegen das heimatliche Liedgut, und auch der Karneval hat seit den Aktivitäten der „Großen Bensberger" wieder einen beachtlichen Stellenwert erreicht. Wenn ich dieses reichhaltige Vereins-und Gesellschaftsleben als Vertreter der Stadt besuche, so ist das die angenehme Seite meiner beruflichen Pflichten, aber ich räume ein, daß mir selbst für ein aktives Vereinsleben einfach die Zeit fehlt. Dafür nutzen diese Möglichkeiten zu eigenen Aktivitäten vor allem meine Kinder, aber auch meine Frau, jedenfalls hin und wieder, soweit der große Haushalt dies zuläßt.
Frage: Von Bensbergern, insbesondere von Vereinsmitgliedern — erinnert sei hier nur an die gerade verflossene Karnevalszeit — und von Geschäftsleuten wird hin und wieder behauptet, Bensberg werde gegenüber Gladbach vernachlässigt. Teilen Sie diese Auffassung? Was steht auf der Wunschliste des Privatmanns Hans-Joachim Franke für sich und seine Familie obenan? Was sollte die Stadt, was sollten Privatleute Ihrer Ansicht nach als attraktives Dienstleistungsangebot noch in Bensberg verwirklichen?
Franke: Ihr konkretes Beispiel zeigt, daß Rat und Verwaltung klug beraten sind, nicht alles selbst gestalten zu wollen. Die Stadt- und Ortsteile wollen ein selbstbestimmtes Eigenleben.
Dies fördert demokratische Strukturen und sollte in unser aller Interesse liegen. Wir sollten uns diesem Streben und Verlangen nicht in den Weg stellen.
So gesehen ist der Beschluß zu den Stadtfesten nicht gerade glücklich und sollte überdacht werden. Ich plädiere für mehr Eigenverantwortung der Bürger und Vereine für Anliegen, die überwiegend den Stadt- oder Ortsteil betreffen. Rat und Verwaltung sollten nicht den falschen Ehrgeiz entwickeln, alles und jedes zur eigenen Sache machen zu wollen. Umgekehrt ist nicht jeder Ruf des Bürgers nach Eingreifen von Rat und Verwaltung hilfreich. Entscheidend ist, daß niemand im Stadtteil ausgegrenzt wird und alle Aktivitäten ihre Anerkennung und Möglichkeiten finden.
Was wünscht sich der Privatmann Franke? Daß Gesundheit und Wohlergehen der Familie erhalten bleiben. Daß ernsthafte gesellschaftliche Spannungen und Auseinandersetzungen auch weiterhin erspart bleiben.
Was sollte in Bensberg beziehungsweise Bergisch Gladbach noch verwirklicht werden? Die noch fehlende Ausstattung in verschiedenen Bereichen sollte gemäß den Möglichkeiten der kommenden Jahre schrittweise komplettiert werden. Einiges davon ist bereits erkennbar: weitere Kindertagesstätten, insbesondere mit Hortgruppen, Sportplätze für Schul- und Vereinsbedarf, Jugendbegegnungs- und Freizeitstätten, Vereins- und Jugendheime der verschiedenen Sportvereine.
Besonders wichtig erscheint mir eine Verbesserung des öffentlichen Nahverkehrs. Insoweit wird der Bau des Bensberger Verkehrsbauwerks zur Verknüpfung von Individual- und öffentlichem Nahverkehr, insbesondere mit der Stadtbahn nach Köln, ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung sein. Der öffentliche Nahverkehr muß wesentlich attraktiver gegenüber dem Individualverkehr werden, wenn die Stadt nicht demnächst im Autoverkehr ersticken soll.

Leistungsfähige Unternehmen"
Dies alles kostet Geld. Die Stärkung und Sicherung des städtischen Finanzaufkommens ist daher eine weitere wichtige Aufgabe. Hierzu ist die Aufstellung einiger wichtiger Bebauungspläne auch und gerade in Bensberg bedeutsam, da der Autobahnanschluß Bensberg/ Moitzfeld geradezu auffordert, leistungsfähige Gewerbe- und Dienstleistungsunternehmen in Bensberg anzusiedeln. Dabei müssen Lösungen gesucht werden, die natur- und landschaftsfreundlich sind, möglichst im-missionsfrei für die umgebende Wohnbebauung, von der betroffenen Bevölkerung akzeptiert werden und nicht zuletzt auch gestalterisch die teils empfindlichen Gegebenheiten angemessen berücksichtigen.
Gesellschaftspolitisch liegt mir die Stärkung der Eigeninitiative am Herzen. Vereine, Gesellschaften und Gruppen sollten gefördert werden, damit sie ihre Bedürfnisse und Interessen selbst verwirklichen können. Dies stärkt die Demokratie, ist ein wichtiges Mittel zur Bewältigung der Aufgaben, die sich aus der Entwicklung in eine Freizeitgesellschaft ergeben, und liefert Verhaltensmuster, Beispiele sinnvoller Lebensgestaltung gerade auch für die Jugend unserer Stadt.    be.

HANS-JOACHIM FRANKE, Erster Beigeordneter: Der gebürtige Breslauer, der in Gladbach aufwuchs, ist heute Bensberger.

Aus einer Bensberger Privatinitiative entstand das Bergische Museum für Bergbau, Handwerk und Gewerbe

im Backes und am Webstuhl wird gewirkt
Fachleute demonstrieren Umgang mit historischem Gerät — Bergische Spezialitäten aus Großmutters Küche

Einen Spaziergang in die Vergangenheit des Bergischen Landes machten bisher über 200000 Besucher des Bergischen Museums für Bergbau, Handwerk und Gewerbe. Im „Türmchenhaus" — in ihm sehen manche Heimatforscher die ehemalige Liebfrauenkirche — ist kostbares bergisches Kulturgut untergebracht.
Beim Aufbau und der Ausgestaltung des Museums, das zunächst den Namen „Kreisheimatmuseum" trug, erwarben sich vor allem Bergrat Dr. Zörner sowie der Markscheider und Obersteiger Willi Mangold große Verdienste.
Die beiden Fachleute für Bergbau richteten in den Kellerräumen des historischen Fachwerkhauses ein vollständiges Bergwerk mit allem Grubengerät und den Maschinen einer ehemaligen Erzgrube ein — eine getreue Nachbildung der Arbeit unter Tage, so wie sie über Jahrhunderte im nahegelegenen Bergwerk Lüderich betrieben worden war. Das Museum, 1928 von einer Bürgerinitiative gegründet und 1981 wiedereröffnet, wird getragen von der Stadt und einem Fördererkreis.
Schulklassen aus vielen Teilen der Bundesrepublik kommen nach Bensberg, um im Museum für Bergbau, Handwerk und Gewerbe etwas über das Leben ihrer Ahnen zu erfahren. Besonders reichhaltig ist diegeologische Sammlung mit einer großen Zahl von Versteinerungen und Artefakten. Gesteins-und Erdproben aus den heimischen Bergen sind ausgestellt. Ferner steinzeitliche Funde, altes Handwerksgerät, mittelalterliche Waffen, historischer Hausrat, eine bergische Bauernstube, eine frühzeitliche Küche mit primitiver Kochstelle, eine alte Schmiede mit Pochhammer und viele Zeugnisse über das Alltagsleben während der zurückliegenden Jahrhunderte.
Auch die Siedlungsgeschichte ist im Heimatmuseum thematisiert. Jagdtrophäen bergischer Herzöge erinnern an die Blütezeit des Neuen Schlosses zu Bensberg, lebensgroße Gemälde Jan Wellems und seiner Gattin sowie Herzog Karl Theodors runden das Bild ab.
Ein Archiv mit alten Plänen, Karten und Bildern ist dem Museum angegliedert. Hier sind zahlreiche Schriften und Zeichnungen zur Geschichte des Bergischen Landes in Schaukästenausgestellt. Teil des Museums ist auch ein vollständig eingerichtetes Bauernhaus, wie es über Jahrhunderte im Bergischen üblich war. In Hof und Garten sind alte Steinsärge ausgestellt, es gibt 200 Jahre alte Webstühle und eine alte Schmiede. Das alte Handwerkszeug wird nicht nur ausgestellt, sondern wird auch durch Fachleute regelmäßig in Aktion demonstriert. Die Handwerksinnungen beteiligen sich immer wieder mit Informationsveranstaltungen. Besuchermagnet ist die historische Schulklasse. Dort unterrichtet der Lehrer im Stehkragen wie anno dazumal.
Das Museumscafé lockt mit Spezialitäten aus Großmutters Küche. Die Zunft der Bäcker zeigt ihr Gewerk am alten Bakkes. Das mühevolle Leben einer Hausfrau in Zeiten, als eine große Kinderschar noch die beste Sozialversicherung bedeutete, wird ebenfalls demonstriert. Der Anblick der hölzernen Waschbütt und des Waschbretts stärkt so manchem das Bewußtsein für den vollautomatischen Haushalt. Ackerbau und Viehzucht haben im Bergischen Tradition. Die gesamte Gerätschaft des Bauern, vom Dreschflegel und Holzpflug zum Wetzstein oder Sense, kann der Besucher selbst nach Anleitung ausprobieren.
Inzwischen hat aber auch im Museum modernere Technik Einzug gehalten. Wie man die Gerberei betrieb, Leder produzierte und weiterverarbeitete, wird per Videofilm gezeigt. Auch den flinken Fingern eines Schneiders oder Schusters kann der Besucher folgen.
Wer einmal wissen will, wie eine Krautpatsche funktioniert, wie es in einem Bienenstock zugeht oder wie seine Vorfahren gelebt und gearbeitet haben, der besucht das Bergische Museum für Bergbau, Handwerk und Gewerbe. Seit August 1988 gibt es einen umfangreichen Museumsführer mit vielen interessanten Aspekten der Orts- und Regionalgeschichte.    Ha.

Zum Vorteil entwickelt
„Bensberg hat sich zu seinem Vorteil entwickelt. Es ist nicht mehr provinziell." Am meisten gefällt Willi Wirges an Bensberg der Kontrast von Altem und Neuem: Das historische Schloß einseits und die modernen Bauten andererseits begeistern den ehemaligen Mülheimer. „1960 bin ich hierher gezogen, weil ich nicht mehr in der Stadt wohnen wollte", erinnert er sich. Dort sei ihm alles zu dicht gedrängt.
„Die Nase voll" hatte er auch von der schlechten Luft. Hier habe er den Königsforst und das schöne Bergische Land vor der Tür. „Am Wochenende bin ich mit dem Wanderverein unterwegs", berichtet Wirges, der das große Freizeitangebot lobt, das die Stadt biete.)

Bensberg wurde zweite Heimat
„Ich liebe Bensberg." Für Elisabeth Drengemann ist die Stadt, die von der leicht hügeligen Landschaft umrahmt ist, „zur zweiten Heimat geworden. Nach Anfangsschwierigkeiten mit der unzuverlässigen Mentalität des Rheinländers fühle ich mich unheimlich wohl."
Vor 35 Jahren ist Elisabeth Drengemann ihrem Mann nach Bensberg gefolgt. „Die Landschaft hier hat mir gleich gefallen. Sie erinnerte mich an meine alte Heimat in Ostpreußen." Auch die Bensberger Geschichte habe sie immer fasziniert, berichtet sie. Wenn ihre Zeit es zuläßt, wünscht sie sich, werde sie sich im Heimatverein betätigen. „Ich fahre nicht nach Köln", sagt sie. Aus Verbundenheit mit dem alten Bensberg unterstützt sie mit ihren Einkäufen ausschließlich die Geschäfte, die schon lange ansässig sind. Sie sei traurig darüber, daß viele alte Häuser verschwunden seien.

DAS BERGISCHE MUSEUM für Handwerk, Handel und Gewerbe in Bensberg zog seit seiner Wiedereröffnung im Jahre 1981 bisher 200 000 Besucher an. Eine Bürgerinitiative gründete 1928 das Heimatmuseum mitten in der Stadt und doch im Grünen.

Quelle: 
KStA-19890228-nr50-vb-rn50 (Kölner Stadt-Anzeiger)
Freigabe: 
Freigabe erteilt für BGV durch Kölner Stadt-Anzeiger mit email vom 16. Okt. 2009