Die alte Zeit wird bald verewigt

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Das Stadtarchiv sammelte 120 Ansichten aus dem alten Gladbach und Bensberg für ein Buch
Die alte Zeit wird bald verewigt
Noch 40 Karten gesucht

Von Jochen Stremmel Bergisch Gladbach (st) — Nur die wenigsten werden wissen oder sich erinnern können, wie es in Bensberg und Gladbach zu Großvaters Zeiten aussah: Zu viel ist vor allem während des zweiten Weltkrieges durch Bomben zerstört worden, zu sehr hat sich auch unter den Erfordernissen des modernen Straßenverkehrs und der hastigen Wirtschaftswunder-Gesellschaft das topographische und physiognomische Bild der beiden Städte gewandelt. Schnelle Verkehrsmaschinen eilen heute auf breiten Asphaltbändern an großen Schaufensterfassaden vorbei, wo einst Pferdefuhrwerke auf, schlecht gepflasterten Sträßchen an Fachwerkhäusern entlangzockelten.
Erinnerungen
Doch das soll jetzt anders werden: Was nicht mehr in natura wiedergutgemacht werden kann, soll wenigstens in der Erinnerung wiederaufgefrischt werden, Der Leiter des Stadtarchivs, Klaus Döpper, korrespondiert mittlerweile mit dem holländischen Verlag „Europäische Bibliothek", der sich auf die Herausgabe von Büchern über alte Stadtansichten spezialisiert hat. Zunächst in den Niederlanden erprobt, wo bereits 800 Bücher in dieser Reihe verlegt worden sind, fand die Idee auch in anderen Ländern reges Interesse. In Belgien gibt es über 300 Bücher dieser Art, in Deutschland waren es zum Ende 1976 auch immerhin schon über 100.
Ob es allerdings auch einmal ein Buch „Bergisch Gladbach und Bensberg in alten Ansichten" geben wird, steht noch in den Sternen. Stadtarchivar Döpper verfügt nämlich noch nicht über genügend alte Postkarten. 160 Seiten umfaßt das geplante Buch insgesamt, eine vom Verlag vorgegebene Größe, 156 davon stehen für Abbildungen zur Verfügung. Die Postkartensammlung des Stadtarchivs besteht dagegen bis jetzt nur aus etwa 120 Exemplaren.
Stadtarchivar suchte
Die meisten Postkarten hat das städtische Archiv von Privatleuten erworben. „Manche kamen und wollten pro Stück eine Mark haben", weiß Karl Döpper zu berichten. Anderen waren ihre Erinnerungsstücke teurer, wieder andere stifteten sie freiwillig, ohne einen Gegenwert zu beanspruchen. Doch Döpper geht auch selbst aktiv auf Suche. „Vor kurzem habe ich auf einem Flohmarkt einen ganzen Kasten voller Ansichtskarten zwei Stunden lang durchgewühlt, •ohne daß dabei was rausgekommen wäre", stellt der Stadtarchivar bedauernd fest.
Ausdrucksvolle Karten
Noch mehr zu bedauern wäre allerdings, wenn das Ansichten-buch mangels Masse nicht zustande käme: Die bereits vorhandenen Karten sagen mehr über die „gute alte Zeit" aus, als man verbal beschwören kann. Eine Karte aus dem Jahr 1909 zeigt das Bensberger Schloß, das damalige Kadettenhaus, wie es gerade von „Zeppelin II" überflogen wird: eine Montage aus den Kindertagen der Photomanipulation.
Eine andere Ansichtskarte, abgestempelt am 22. Juni 1906 um 6 Uhr vormittags, zeigt die Sankt-Laurentius-Kirche nebst Markt, heute Rathausplatz, als Idylle: Zwei Schuljungen in knielangen Hosen, einer mit obligatorischer Mütze, der andere mit einer legeren „Kreissäge" auf dem Haupt, stehen mitten (1) auf der Straße im Vordergrund des Bildes, ein Standort, auf dem sie heute innerhalb von Minuten einen Rückstau bis nach Herrenstrunden verursachten. Daneben auf dem Marktplatz ein Brunnen und ein einsamer Telefonmast den nur zwei Porzellantöpfchen zieren.

Wechselnde Straßennamen
Die Straße, auf der die Schüler damals beschaulich weilen konnten, spiegelt auch in ihren wechselnden Namen getreu den Zeitgeist wider: Nur als Wilhelmstraße kann sie in dem geplanten Buch Aufnahme finden, weil die Holländer als Zeitgrenzen die Jahre 1880 und 1930 bestimmt haben. In Deutschlands brauner Zeit wurde sie in AdolfHitler-Straße umgetauft. Sie wurde 1945 in „Hauptstraße" umbenannt.
Kein billiger Trost
Eine weitere Ansichtskarte aus dem ersten Weltkrieg belegt eindrucksvoll einen früher bekannt gewesenen Spitzname') der Stadt: „Hippen-Gläbbich". Sie zeigt den Verkauf von Milchziegen vor dem Gasthaus „Am Bock". Auch bei dieser Aufnahme hat sich der Fotograf Mühe gegeben: Die weißen Ziegenbärte heben sich deutlich gegen die dunkel-militärische Kleidung der die Tiere Feilbietenden ab.
Der Vergleich einer Ansichtskarte von der Villa — damals bürgerlicher: Haus — Zanders aus dem Jahre 1918 mit der Wirklichkeit 60 Jahre danach wirft ein bezeichnendes Licht auf die Kräfteverhältnisse im Kampf zwischen städtischem Expansionsdrang und der Natur: Die Aufnahme zeigt das Zanders-Haus nicht weit vom Ufer eines kleinen Sees, in dem sich neben hohen Bäumen auch ein Schwan spiegelt.
Ungeahnte Früchte des bebilderten Ausflugs in die Vergangenheit deuten sich an: Nicht nur billiger Trost und nostalgische Flucht aus der Gegenwart kann man sich aus dem Buch holen, sondern auch Argumente gegen eine weitere Vergewaltigung der natürlichen Umwelt.
Um die 25 Mark soll das querforma tige „Bilderbuch" mit seinen 160 Seiten kosten; damit aber überhaupt etwas daraus wird, benötigt Stadtarchivar Döpper unbedingt einen größeren Fundus. Wer also noch Bensberger oder Gladbacher Motive auf Ansichtskarten von 1880 bis 1930 hat, sollte sich bald bei ihm melden: Stadtarchiv, Postfach 200 920, Bergisch Gladbach 2, Telefon: 1 44 61.

HISTORISCHE KLEINSTADT-IDYLLE: Zwei Jungen auf der Wil helmstraße.

ALTEN GLADBACHERN schwant es: Die Villa Zanders als Haus am See. Repros: Möllinghoff

DIE HAUPTSTRASSE als Wilhelmstraße vor 70 Jahren: Fachwerkhaus und Kopfsteinpflaster.

ELEGANTE MONTAGE: Die Gas-Zigarre über dem Kadettenhaus in Bensberg.

„HIPPEN-GLABBISCH": Ziegenverkauf vor dem Gasthaus „Am Bock'.

Quelle: 
KStA-1978-nr155-rn13 (Kölner Stadt-Anzeiger)
Freigabe: 
Freigabe erteilt für BGV durch Kölner Stadt-Anzeiger mit email vom 20. Nov. 2009