Geschichte der Parteien X: Nazis von erster Wahl ausgeschlossen


Nazis von erster Wahl ausgeschlossen
Militärregierung mußte Kandidaten billigen

Bergisch Gladbach/Bensberg (ag) — Nachdem mit Erlaubnis der Engländer die „Zonenparteien" ihre Gemeindevertreter für die Weideraufnahme kommunalpolitischer Arbeit benannt hatten, wurde Anfang 1946 die erste Kommunalwahl vorbereitet. Beamte und Behördenangestellte durften sich dabei nicht politisch betätigen. Eine Liste der Wahlkandidaten mußte Major Inkson vorgelegt und genehmigt werden. Als Bürgermeister von Bensberg hatte die Militärregierung inzwischen Jean Werheit bestimmt.
Hohe Wahlbeteiligung
Die Wahl der Stadträte und Gemeinderäte mußte mehrmals verschoben werden, kam dann aber am 15. September 1946 endlich zustande. Wahlberechtigt war freilich nur ein eingeschränkter Personenkreis, dem keinerlei „politische Belastung" nachzuweisen war. In Bensberg waren das von 19 851 Einwohnern 13015, in Bergisch Gladbach von 30201 Einwohnern 19750.
Die Wahlbeteiligung bei dieser ersten Nachkriegswahl war hoch. Sie lag in Bensberg bei 80,8 und in Bergisch Gladbach bei 77,6 Prozent. Die CDU verbudite in den beiden Gemeinden den höchsten Stimmenanteil, gefolgt von SPD und KPD. Sie erhielt in Bensberg 22 Sitze (2 für die SPD) und in Bergisch Gladbach 25 Sitze (SPD ebenfalls 2). Bürgermeister blieb in Bensberg Jean Werheit, in Bergisch Gladbach wurde Franz Heider gewählt.
Am 13. Oktober 1946 folgte die Kreistagswahl, der erste Landtag in NRW, wurde am 21. April 1947 nach dem Landeswahlgesetz vom 22. Januar desselben Jahres gewählt. In 150 Wahlkreisen wurde je ein Abgeordneter mit relativer Mehrheit (Mehrheitswahlprinzip) und 50 Abgeordnete aus Landesreservelisten der politischen Parteien (Verhältniswahlprinzip) gewählt.
Nach der neuen Gemeindeordnung vom 1. April 1946 konnte die Militärregierung einer Gemeinde auch den Titel „Stadt" verleihen, wenn sie dies angemessen fand. Der Bensberger Gemeinderat beschloß am 2. Juni 1946, beim Innenminister des neugegründeten Landes Nordrhein-Westfalen einen Antrag auf Verleihung der Stadtrechte einzureichen. Schon am 17. Juni bestätigte Major Inkson seitens der Militärregierung die Verleihung der Stadtrechte, am 5. November 1947 zog der Innenminister nach. Daraufhin konnte Bensberg am 16. November 1947 den Tag seiner Stadtwerdung mit einem Erbsensuppenessen „feiern".
Am 20. Juni 1948 wurde in In den westlichen Besatzungszonen die DM als neue Währung eingeführt. Jeder Einwohner erhielt an diesem Sonntag gegen 60 Reichsmark 40 Deutsche Mark. Damit waren die Startbedingungen gegeben für den Anfang des nachfolgenden „Wirtschaftswunders".
Die Stadtratswahlen vom Oktober 1948 zeigten einen allgemeinen Tiefstand des Interesses bei der Bevölkerung. Von 15 168 Wahlberechtigten in Bensberg wurden 9003 gültige Stimmen abgegeben, von 22 563 Wahlberechtigten in Bergisch Gladbach 12 798. In Bensberg erhielt die CDU 15 Sitze, die SPD 7 Sitze, das Zentrum und die KPD je 2 Sitze. In Bergisch Gladbach: CDU 13 Sitze, SPD 7 Sitze, KPD 1 Sitz.
Sechsmal Lücke
Nachdem das vom „Parlamentarischen Rat" in Bonn ausgearbeitete Grundgesetz am 23. Mai 1949 rechtskräftig geworden war, wurden die ersten Bundestagswahlen für den 14. August 1949 angesetzt. Die Wahl erfolgte nach dem Wahlgesetz vom 15. Juni 1949: 60 Prozent der Abgeordneten wurden nach dem Mehrheitswahlprinzip und 40 Prozent nach dem Verhältniswahlprinzip gewählt. Als Abgeordneter für den Rheinisch-Bergischen Kreis ging Paul Lücke (CDU) nach Bonn. Seine Gegenkandidaten waren Hubert Jungherz (SPD) und Josef Krauß (KPD) gewesen. Paul Lücke blieb Abgeordneter des Rheinisch-Bergischen Kreises bis zu den Wahlen zum siebten Deutschen Bundestag am 19. November 1972. Bertram Blank (SPD) löste ihn ab.
Bei der Wahl zum dritten Deutschen Bundestag am 15. September 1957 war bereits der Wirtschaftsprüfer Dr. Heinrich Deist aus Bensberg über die Reserveliste der SPD in den Bundestag gewählt worden, der Bundestagskandidat Hubert Jungherz wurde mit Wirkung vom 19. Januar 1960 ebenfalls über die Reserveliste der SPD Mitglied des Bundestages.
Stimmeneinbußen hatte die CDU im Kreis erstmals bei den vierten Deutschen Bundestagswahlen am 17. September 1961. Obwohl Paul Lücke wiedergewählt war, sank der Stimmenanteil seiner Partei von 9720 (1957) auf 9294 (1961) in Bensberg und von 13 569 (1957) auf 12 965 (1961) in Bergisch Gladbach. Die SPD dagegen holte auf von 3721 (1957) auf 4321 (1961) in Bensberg und von 5615 (1957) auf 6559 (1961) in Bergisch Gladbach. Eindeutiger Gewinner dieser Wahl aber war die FDP. Sie stieg von 1009 (1957) auf 2460 (1961) in Bensberg und von 1511 (1957) auf 2975 (1961) in Bergisch Gladbach.
Kräfteverschiebung seit 1887
Rückblick auf die von 1887 an vorliegenden Wahlergebnisse in den Städten Bensberg und Bergisch Gladbach:
Schon in der Kaiserzeit bildeten sich in Bensberg, Bergisch Gladbach und Umgebung drei große Richtungen heraus: der Liberalismus, der Klerikalismus und der Sozialismus.
Der Liberalismus hatte seine „große Zeit" — die der Revolution von 1848 — im Jahre 1887 bereits hinter sich, erreichte einen absoluten Tiefstand (mit 1 bzw. 2 Prozent der Wählerstimmen) im Jahre 1932 und konnte 1972 wieder anschließen an seine Ergebnisse von 1887: damals 17 Prozent der Stimmen in Bensberg und 15 Prozent in Bergisch Gladbach, 1972 in Bensberg 13 Prozent und in Bergisch Gladbach wieder 15 Prozent.
Der Klerikalismus (dafür nach dem zweiten Weltkrieg die CDU) hatte in Bensberg 1898 mit 88 Prozent seinen höchsten Stimmenanteil, 1969 und 1972 den tiefsten mit 45 Prozent. In Bergisch Gladbach hatte er 1887 die meisten Wählerstimmen (75 Prozent), 1930 mit 33 Prozent die wenigsten. 1972: 43 Prozent.
Der Sozialismus hatte 1887 in Bensberg ganze vier Prozent Stimmen, brachte es 1969 auf 42 Prozent, sank aber 1972 wieder ah auf 40 Prozent. In Bergisch Gladbach begann er 1887 mit 10 Pozent, erreichte auch hier die höchste Wählerquote 1969 mit 46 Prozent und kam 1972 auf 45 Prozent.
Die KPD erschien erstmals 1924 im Parteienspiegel, und zwar in Bensberg mit 18,92 Prozent, in Bergisch Gladbach mit 16,50 Prozent. Im November 1932 hatte sie in Bensberg 16,53 Prozent, in Bergisch Gladbach 18,13 Prozent der Wählerstimmen. Im Jahre 1972 als DKP lag ihre Quote bei 0,21 in Bensberg und bei 0,32 in Bergisch Gladbach.
Die „Rechtsparteien" hatten vielerlei Namen. Ihre Anteile an den Wahlergebnissen waren: 1924 als „Völkische" in Bensberg 1,15 Prozent und in Bergisch Gladbach 15,05 Prozent. 1932 als NSDAP in Bensberg 13,10 und in Bergisch Gladbach 15,05 Prozent, als NPD 1969 in Bensberg 2,8 Prozent und in Bergisch Gladbach 0 Prozent, 1972 in Bensberg 0,35 Prozent und in Bergisch Gladbach 0,33 Prozent.

Quelle: 
KStA-19740828-nr198-rn14 (Kölner Stadt-Anzeiger)
Freigabe: 
Freigabe erteilt für BGV durch Kölner Stadt-Anzeiger mit email vom 6. Nov. 2009