Ein weiter Weg für die Gläubigen

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Ein weiter Weg für die Gläubigen
Abhilfe schaffte erst die Gnadenkirche: Eine der frühesten klassizistischen Bauten im Bergischen Land

Von unserer Redakteurin Stephanie Peine
Bergisch Gladbach — Nicht nur standhaft im Glauben, sondern auch gut zu Fuß mußte die kleine Schar der Gläubigen sein, die vor 250 Jahren in Gladbach dem reformierten Glauben anhing. Bei Wind und Wetter mußten sie in Ermangelung einer eigenen Kirche ins rund zehn Kilometer entfernte Mülheim am Rhein pilgern, um ihre Gottesdienste abhalten zu können. Diese Mühsal wurde erst mit dem Bau der Gnadenkirche beendet, die in den Jahren zwischen 1775 bis 1777 an der Hauptstraße errichtet wurde. Die neue Kirche der Reformierten wurde im klassizistischen Baustil errichtet und ist damit eine der frühesten heute noch erhaltenen Kirchenbauten dieser Bauepoche in der Bergischen Region.
Die Bedeutung der Gnadenkirche wird nun auch durch die Forschung des Wuppertaler Kunsthistorikers Prof. Hermann J. Mahlberg hervorgehoben. Er widmet der Gnadenkirche breiten Raum in seinem Beitrag „Klassizistische Kirchenbauten in der Wupperregion", der im jüngsten Heft von „Polis — Zeitschrift für Architektur, Stadtplanung und Denkmalpflege in Wuppertal" (Verlag Müller und Busmann/Wuppertal) erschienen ist.
„Bei der in zwei späteren Erweiterungsphasen abgefälschten Baugruppe von achteckigem Saal, Turm und Pfarrhaus handelt es sich um die erste Baulösung dieser Art in der Bergischen Region (und wohl darüber hinaus)", meint Mahlberg. Die Konzeption und Ausführung der ersten Bauabschnitte stamme von dem Architekten Johann Georg Leydel (1721-1785), der zu diesem Zeitpunkt Stadtbaumeister im benachbarten Mülheim am Rhein gewesen sei.
Während Kirche und Pastorat eindeutig die Handschrift Leydels trügen, sei dies beim gedrungenen Kirchturm nicht der Fall. „Der ursprünglich nur ohne Turm genehmigte Kirchenbau wurde 1787/88 durch den Leichlinger Baumeister Andreas Weltersbach komplettiert", erläutert der Kunsthistoriker, der in seinem ebenfalls geradeerschienenen Buch „Der Wunderbau von Elberfeld" die Spuren des Baumeisters Johann Georg Leydel weiterverfolgt und dabei überraschend auch auf historische Neuigkeiten über Haus Blegge in Bergisch Gladbach stieß.
Eher strengere Version
Die von Weltersbach konzipierte geschweifte Turmhaube der Gnadenkirche mit offener Laterne sei zweifellos eine Konzession an den „gemütvollen bergischen Kirchturmtyp" und entspreche sicher nicht der wohl strengeren Version von Leydel, meint Mahlberg. Leydels Planung finde sich besonders in der Oktogonform des Saales wieder. „Vorbilder zu achteckigen Sakralbauten bilden protestantische Kirchenbauten des 17. Jahrhunderts in den Niederlanden", die wiederum auf Anregungen des italienischen Baumeisters Andrea Palladio zurückzuführen seien.
Achteckig seien jedoch auch seit alters her viele Taufkapellen, deren formale Symbolik in das Gedankengut der Freimaurer Eingang gefunden habe. „Johann Georg Leydel war Mitglied einer Kölner Loge, und so wird es erklärlich, wenn in einigen Bauten auch das (achteckige) Windrosenmotiv eine Rolle spielt", erläutert Mahlberg. In ihrer Konzeption sei die Gnadenkirche in Bergisch Gladbach aber offensichtlich ein Einzelfall geblieben.
Eines der frühesten Beispiele für den klassizistischen Sakralbau der bergischen Region ist die Gnadenkirche. Der Baumeister Johann Georg Leydel errichtete den achteckigen Bau 1776/77, der nachträglich einen Kirchturm erhielt. (Bild: Albert Günther)

Quelle: 
KStA-19921229 (Kölner Stadt-Anzeiger)
Freigabe: 
Freigabe erteilt für BGV durch Kölner Stadt-Anzeiger mit email vom 23. Okt. 2009