Alte Siedlung - junge Stadt (II): Privilegierte ließen von Unfreien das Land roden


Alte Siedlung - junge Stadt (II)
Gladbach-Bensberg in elf Jahrhunderten

Privilegierte ließen von Unfreien das Land roden
Alte Ortsnamen sind ein lebendiges Zeugnis der Vergangenheit

Zu Beginn der Rodegeschichte in unserem Raum hatte Graf Giselbert I., Inhaber des Hofes zu Merheim, von seinem Schwiegervater, Kaiser Lothar I., ein abgegrenztes Gebiet geerbt. Die „rottbare Peripherie" am Königsforst war auf den Raum zwischen dem Flehbach im Süden und der Wipperfürther Straße im Norden beschränkt. Lediglich im Östen gab es keine Grenze außer der natürlichen Barriere des Waldes. Da nach geltendem Recht durch eigene Initiative gerodetes Gut auch zum Eigentum wurde (allodium), Rodungen also praktisch gleichzusetzen waren mit dem Neuerwerb von Grundbesitz, hatte Giselbert keinen Grund, die sich ihm dort bietenden „Kolonisationsmöglichkeiten" ungenutzt zu lassen. Er ließ in Merheim eine „Schar" zusammenstellen aus billigen Arbeitskräften, nämlich Unfreien, Hofhörigen und Minderfreien, und gab ihnen einen „Ministerialen" als Vorarbeiter bei.
Die Arbeiter waren mit Karren und Wagen, Tieren und Geräten, Handwerkszeug und Waffen ausgerüstet und erhielten den Auftrag, zunächst gutes Rodegebiet für die Anlage eines neuen Herrenhofes ausfindig zu machen. Einen solchen Herrenhof nannte man „Salhof". Sein Hauptbau war das Wohnhaus, die casa oder halla, bestehend — wie alle anderen Gebäude auch — aus Holz, abgedeckt mit Holzschindeln oder mit Stroh.
Neben dem Wohnhaus war ein Frauenarbeitshaus zu errichten, das den Spinn- und Webarbeiten diente. Ein Stall für das Großvieh, ein Verschlag für die Schafe und Ziegen, ein Speicher für die Früchte, ein Schober für das Ackergerät und ein Wühlplatz für die Schweine komplettierten die Anlage. Außerdem war ein Brunnen anzulegen, weil zum Trinken ausschließlich Brunnen- und niemals fließendes Wasser benutzt wurde. Zum Schutz gegen die Tiere des Waldes, insbesondere die Wölfe, wurde der Hof mit einem Palisadenwall umgeben, durchbrochen von Eingängen mit verschließbaren Toren. Einen solchen „Bering" nannte man „Hofetter". Er könnte noch mit einem Wassergraben umgeben werden.
Zu jedem Salhof gehörte eine Mühle. Sie nahm stets eine Sonderstellung ein, denn zum Mahlen brauchte man eine maschinenartige Vorrichtung, deren Herstellungskosten nur der Grundherr selbst tragen konnte.
Alle Mühlen des hiesigen Raums waren von Anfang an Wassermühlen. Sie anzutreiben, wurde ein besonderer Staudamm benötigt, um das angestaute Wasser durch eine Schleuse auf das Mühlrad führen zu können. Als wichtigstes Zubehör eines Salhofes aber ist die dazu gehörige Kirche zu betrachten. Nach dem damals geltenden Kirchenrecht baute der Grundherr sie auf seinem Land aus eigenen Mitteln. Man spricht darum von einer „Eigenkirche".
Der erste Salhof des Grafen Giselbert I. entstand am heutigen Burgplatz in der Parksiedlung Kippekausen. Die zum Salhof gehörige Mühle war die „Saalermühle", die Holzkirche wurde gebaut auf einem Grundstück, das man dem „Herrenland" entnahm und das bis heute „Kirchfeld" heißt. Die Aufgabe der Seelsorge fiel dem „plebanus", dem Leutpriester zu. Er bekam für seine Arbeit Entgelt und Ausstattung mit Land.
Der Salhof („Herrenhof") war rings von Herrenland (terra salica) umgeben. Dies Land wurde mit Hilfe von Unfreien im Eigenbetrieb des Grundherrn bewirtschaftet. Der Ministeriale, der die Rodeschar geführt hatte, übernahm das Amt des Hofverwalters (Meieramt). Die hörigen Bauern wurden für ihre geleistete Arbeit durch das Zuweisen weiteren Rodelandes entschädigt.
Vom Salhof aus gelangten diese Bauern, dem Bachlauf des Saalermühlenbaches folgend, inein zur Bebauung günstig erscheinendes Bruchgebiet. Der sumpfige und morastige Boden, „Luch" oder „Lug" genannt, gab der Rodestelle den Namen „Lugerode" (Sumpfrodung = Lückerath). An der Holzkirche des Salhofes floß ein Bach in Richtung auf das Binsenfeld. An seinen Ufern gab es eine windgeschützte Stelle, eine „Keule", im althochdeutschen Sprachgebrauch auch „plan am rivier" genannt.
Wichtig ist hier das Wort „rivier" für „Bach". Im Mittellateinischen heißt ein Bach „riparia". Die spätmittelalterlichen Urkunden bezeichnen das Junkersgut in Refrath immer noch als „Junkersgut uffm Riphagen". Ein Hag ist ein umfriedeter Bezirk. Der Riphagen aber, war der „Hofetter" der „Riprode" Rodung am Bachufer, Ursprungshof des Junkersguts.
Riprode und Lugerode waren also den Hofhörigen zur Anlage von Hofstellen überlassen worden. Alles Land der beiden Güter gehörte aber auch weiterhin zum „allodium" des Grundherrn und war nur zu Lehen vergeben. Der Herr forderte vom Lehn-mann dafür „Dienst und Treue". Starb der Lehnmann, dann sollte das Gut an den Herr „heimfallen", damit er es neu vergeben konnte.
Beim Tod des Grafen Giselbert I. im Jahre 877 muß die erste Rodung im Bereich des Salhofes, in Riprode und Lugerode abgeschlossen gewesen sein. Mit dem fertigen Aufbau aber ist die neuerrichtete und neuerschlossene „Mark" bereits gut erkennbar.
Erzbischof bestochen
Doch Giselbert hatte ja 855 nicht allein und alles hiesige Land geerbt: Lothar I. hatte seinem Sohn, Lothar II., damals den Königsforst vermacht, also den Raum-südlich des Flehbachs (Flehbach = Flachbach). Lothar II., König von Lotharingien, führte ein aufwendiges Leben. Seine erste Frau, Theutberga, verstieß er 857, um seine Geliebte, die „üppige Walrada" heiraten zu können. Auf der Synode zu Aachen gelang es ihm, die Zustimmung der lothringischen Bischöfe zu dieser Eheschließung durch Bestechung des Kölner Erzbischofs Gunther mit Landschenkungen an die Kirche zu erreichen. Einedieser Schenkungen war auch der Dunwald, der sich bis zur Wipperfürther Straße erstreckte.
Wie die weltkichen, so besaßen auch die kirchlichen Fürsten zentrale Verwaltungsstellen, denen zur Beaufsichtigung des kirchlichen Eigentums (proprietas) ein Propst (prepositus) vorstand. Den Besitz der Kölner Kirche verwaltete mithin der Kölner Dompropst. Er stellte nun ebenfalls eine Rodeschar zusammen und schickte sie aus zur Anlage eines Herrenhofes. Der geeignete Platz wurde —weil ein Weltgeistlicher die Aktion leitete — „Pafferode" genannt. Wie in Saal so wurde auch in Paffrath auf Herrenland eine Kirche errichtet. Die Mühle fand ihren Platz am Mutzbach. Die hofhörigen Bauern wurden auch hier für ihre getane Arbeit durch Landgaben belohnt. Sie rodeten in westlicher Richtung vom Herrenhof ein tiefgelegenes Waldgebiet (diepesch von diup = tief) und nannten ihr Lehen Diepeschrode. Noch weiter westlich fand sich eine weitere geeignete Siedlungsstelle, die einfach nach dem ganzen Wald benannt wurde und fortan Dunewald hieß. Auch diese Hofanlagen haben 893 fertig gestanden.
Zurück zur Familie Giselberts: Nach seinem Tode setzte sein Sohn und Nachfolger Reginhar I. die Rodungsaktion fort. Dabei folgte man von Saal aus offenbar einem alten Jagdpfad, dem heutigen Refrather Weg, und kam auf eine Waldlichtung an der Strunde, eine „grüne Aue" (Gronau), danach an den Ufern der Strunde entlang zu einem Rodeplatz im Bereich der heutigen Hauptstraße/ Laurentiusstraße. Dieser Platz hatte den Vorteil, von Wasser umgeben zu sein, dem Strunderbach, dem Bockerbach und dem Broich. In der Nähe der jetzigen Gartenstraße wurde ein Stauweiher, an der Hauptstraße ein Auffangweiher angelegt, der Strunderbach floß danach in glatter und ebener Fläche, und dieser „Gladebach" gab dem neuen Herrenhof seinen Namen. In der Buchmühle ist die zu diesem Herrenhof gehörige Mühle zu sehen. Den Neubau einer Kirche sparte man sich: Die Gladbacher Leute mußten in Refrath für ihr Seelenheil sorgen.
Wieder Lehen erhalten
Die hofhörigen Bauern erhielten auch hier wieder Lehen und folgten auf der Suche nach Rodeplätzen dem Strunderbach in Richtung Merheim. Sie fanden ein Waldgebiet, das mit würzigen Kräutern bestanden war, „Gier" genannt. Die jungen Blätter wurden gern mit Brennnesseln vermischt und als Gemüse gekocht.
Die Rodung erhielt den Namen „Gierode". Nordöstlich davon wurde eine weitere Siedlungsstelle ausgemacht, die reichlich Hagebutten aufwies —im Sprachgebrauch „Dutte". Davon erhielt der Hof den Namen Dudenrode (Duckterath).
Gesamtraum zwischen dem Herrenhof Gladbach und den Saaler Lehngütern Refrath und Lückerath war Allmende, Gemeindewald also. Er trug generell die deutsche Bezeichnung „Heide" (Schluchterheide, Refrather Heide, Werheide). Das im Wald wachsende Gras ließ man durch Rinder abweiden, solche „Waldweiden" nannte man auch „Campus" (Eichenkamp und Buchenkamp, Auf dem Kamm, Beckerskamp, Im Wiesenkamp). Um die Tiere auf die für sie bestimmten Weidegänge zu lenken, mußte man genaue Triften (Treibwege) festlegen. Das Großvieh weidete auf dem Heidkamp, als Nachtweide diente der Hungenberg (Hunger = Nachtweide). Zwischen dem Lerbach, der Strunde und der heutigen Bensberger Straße lag ein dem Holzschlag dienendes Waldstück, der Hauwald (Zederwald).
Die Lage der Grundherrschaften Paffrath, Saal und Gladbach zeigt, daß Graf Reginhar I. seine Scharen bis 893 zwar bis an den Gebirgsrand, aber niemals in die Berge geschickt hatte. Das sollte sich bald ändern, und Anlaß dafür war die große Politik. Als sich König Arnulf von Ostfranken 895 entschloß, seinen unehelichen Sohn Zwentibold zum König von Lothringen zu machen, verweigerten ihm die lothringischen Großen ihre Zustimmung. Es gab zwischen unserem Grafen Reginhar und Zwentibold 898 einen Krieg, der erst mit Zwentibolds Tod am 13. August 900 endete. Die lothringischen Grafen huldigten Zwentibolds Bruder, Ludwig dem Kind.
Für den jungen ostfränkischen König besorgte ein aus Adelingen zusammengesetzter Regentschaftsrat die Regierungsgeschäfte, und dieser Rat unterstellte das ganze ehemalige „Mittelreich 'Lothringen" mit bedeutenden Besitzungen einem starken Mann, Gebhard von Franken. Er wurde als dux, also als Herzog von Lothringen eingesetzt, und zu seinen neuen Besitzungen gehörte auch das riesige Waldgebiet der heutigen Gemeinde Odenthal.
Graf Reginhar war davon alles eher als entzückt. Das Gebiet nördlich der Wipperfürther Straße befand sich nun in der Hand eines fremden und mächtigen Grafen. Er beschloß, sich eine Burg zu bauen, die Burg Bensberg. Der Platz dafür ist wohl jedermann bekannt: Heute steht das Bensberger Rathaus darauf, damals war es eine rings von Wasser umgebene Felskuppe. Da diese Kuppe anstieg, legte man eine Unter- und eine Oberburg an. Die ersten Türme standen an der Stelle des heutigen ,Engelbertturmes und diesem genau gegenüber.
Reginhar I. hiesiger Besitz, also Merheim, Saal (mit Refrath und Lückerath) und Gladbach (mit Gierath und Duckterath) stand unter grundherrlichem Landrecht. Reginhar war dadurch in diesem Raum der oberste Richter, (iudex in comitatu), Träger der öffentlichen Rechte. Für Bann und Gericht stand damals das deutsche Wort Mark. Damit ist Bensbergs erste Silbe hinreichend klar, in ihr steckt bannus im Sinne von Mark = Gerichtsbezirk. Das Volk zog die Worte bannus und Burg zusammen zu Bannsburg Bensberg.
Fortsetzung folgt.

Diese Serie von unserer Mitarbeiterin Annelis Griebler basiert auf einer Dokumentation des wissenschaftlichen Betreuers des Bergisch Gladbacher Stadtarchivs, Dr. Gerd Müller.

Quelle: 
KStA-19750807-rn14 (Kölner Stadt-Anzeiger)
Freigabe: 
Freigegeben durch Kölner Stadt-Anzeiger mit email vom 10.5.2011 für den BGV Rhein-Berg

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Die im Artikel genannte

Die im Artikel genannte 'Gartenstraße' ist die damalige Gartenstraße, die in einem Viertelkreisbogen die Odenthaler Straße mit der Straße 'Am Mühlenberg' verband. Mit der kommunalen Neugliederung (Die bis 1974 eigenständigen Städte Bensberg und Bergisch Gladbach wurden zusammengelegt.)  wurde sie 1975 umbenannt in 'An der Strunde', weil es in Bensberg (auch) eine Gartenstraße gab.