Ein Blick auf den Bergisch Gladbacher Stadtteil Rommerscheid


Ein Blick auf den Bergisch Gladbacher Stadtteil Rommerscheid
Ganz sicher auf dem Berg

Altes Fachwerkhaus (Bild oben), durstiger „Pensjonge" und ein Besuch auf dem Irlenfelder Hof bei Otti (l.) und Hubert Hagen.
BILDER: GIZ/RN

Familie, Gemeinschaft und sozialer Gleichstand hält die Menschen von Rommerscheid zusammen.
VON GISELA SCHWARZ

Bergisch Gladbach - Wer nach Rommerscheid will, findet leicht den Einstieg von der Odenthaler Straße hoch zur Rommerscheider Straße. Rechts liegen die hübschen Einfamilienhäuser mit gepflegten Gärten, die beschauliche Idylle vermitteln. Links geht es oft steil in den Berg, vor einigen Villen beschränken Mauern und Tore den Blick auf das Anwesen. Irgendwo führt ein Freiluftaufzug hoch zum Grundstück.
„Man müsste da 94 Stufen hochsteigen", weiß Claudia Jenniges, die seit 28 Jahren in der Rommerscheider Siedlung „Der große Busch" lebt, über den mühsamen Weg nach oben. Aber man hat wenig Kontakt zu den Bewohnern „hinter den Mauern". Auch zwischen den Gutsituierten gibt es graduelle Unterschiede.

NACHBARSCHAFTEN
Zusammen leben im Bergischen

Man lebt ein wenig auf Distanz, intensiver Nachbarschaftskontakt oder gar Gemeinschaftsleben ist nicht drin. Wohl aber wohlwollendes Sponsoring für die Aktivitäten in Rommerscheid. Von „denen da oben im Kleinherzogtum" hat man früher in Hebborn über die Rommerscheider gesprochen. Aber durch die vielen Zugezogenen ist das elitäre Leben aufgebrochen. Der alte Anspruch „Rommerscheider kann man nicht werden, Rommerscheider muss man sein" gilt nicht mehr.
Der Idylle tut dies keinen Abbruch– sie setzt sich weiter oben am Berg fort: Kinder fahren mit den Rädchen über die Pflastersteine, kein Auto rast. Ein Fremder wird beäugt, dann freundlich gegrüßt und bekommt den Weg zu den Hagens auf dem Irlenfelder Hof erklärt. Langsam fahren ist angesagt, nicht nur durch die eingebauten Hindernisse. Oben auf der Höhe am Rommerscheider Weg steht die Kirche mit dem schlanken weißen Turm. Und ein Stück weiter führt der Irlenfelder Weg übers freie Feld, herunter nach Unterhebborn.
Oben auf der Höhe wohnt Karl Hubert Hagen mit Frau Otti im 400 Jahre alten Bauernhof, dem Irlenfelder Hof. Täglich kann er den grandiosen Blick auf das Rheintal genießen. Jogger traben vorbei, Hunde werden ausgeführt, Teenager dösen auf der Bank, vertreiben sich mit Musik aus dem MP3-Player die Langeweile. Hier gibt es keine Kneipe, keinen Laden, aber den Bäcker Friedhelm Müller an der Rommerscheider Höhe. Bei ihm kann man am Samstagmorgen in der Backstube Brötchen und Croissants kaufen. Es sollen die besten in ganz Bergisch Gladbach sein. Vor ein paar Jahren schloss die letzte Gaststätte „Zur Rommerscheider Höhe", die von den Eimermachers betrieben wurde. Doch da hatten die Bewohner längst den Dreh heraus, in Eigeninitiative ihr Leben in der Gemeinschaft zu organisieren.

Anonym bleiben muss hier keiner
KARL HUBERT HAGEN

Schon Jahre vorher hatte man das Turmzimmer ausgebaut, jenen Raum unter dem Turm der Kirche. Männergesangsverein, Bürgerverein, Handarbeitsgruppe, Lepra-Hilfegruppe und auch eine Kinderspielgruppe füllten das Turmzimmer mit Leben. Inzwischen steht dort ein Archivschrank mit den Akten, Noten, Fotos und Orden der Vereine –für die Nachwelt. „Wenn wir nicht mehr sind, geht das sonst in den Müll", sagt Claudia Jenniges von Vorstand des Bürgervereins. „Das Turmzimmer ist für uns wie ein Vereinshaus." Überhaupt wird hier die Nachbarschaft, das Miteinander sehr bewusst gepflegt. „Anonym bleiben muss hier keiner", sagt Karl Hubert Hagen. Früher, als Hagens noch intensive Landwirtschaft betrieben, traf man sich zum Milch-und Eierkauf bei Otti Hagen. „Die Kinder konnten zuerst Muh sagen, so begeistert waren sie von den Kühen und dem Besuch bei Tante Otti", erinnert sich Claudia Jenniges an die Zeit, als sie mit der jungen Familie nach Rommerscheid zog. „Und über diesen Kontakt wurden wir in die Dorfgemeinschaft integriert." Heute geht sie aktiv auf Neubürger zu, um ihnen das Einleben zu erleichtern und sie auch für die Aktivitäten im Dorf zu gewinnen. Schließlich ist da ein Dorffest zu organisieren, der Männergesangsverein zieht viele mit beim traditionellen „Pengssingen", dem Pfingstsingen von Haus zu Haus. Eine sehr feuchtfröhliche Angelegenheit, die Jung und Alt zusammenbringt.
„Man muss sich einbringen in die Gemeinschaft, sich gegenseitig helfen – dadurch wird man stark", findet Jenniges. Und so wird's gemacht: Handwerker stehen mit Rat und Tat zur Verfügung, die Informatiker vermitteln Wissen über Websites und die Mail-Kontakte. Früher gab es sogar eine eigene Zeitung –„Rommerscheid kompakt".
Man fühlt sich sicher auf dem Berg. „Da kommt kein Spitzbube hoch – hier kennt ja jeder jeden. Da fällt sofort auf, wenn jemand daher-fährt", erzählt Otti Hagen. Auch wenn es die jungen Leute zunächst in die Ferne zieht, so kämen doch viele wieder. „Wenn die mal eigene Kinder haben, kommen sie zurück, zeigen ihrem Nachwuchs, wo sie früher bei Tante Otti mit den Kälbchen gespielt haben"; so die Landwirtin. Aus der Welt ist Rommerscheid trotz der idyllischen Abgeschiedenheit nicht. Der Stadtteil wird auch zu Bergisch Gladbach-Stadtmitte gezählt. „Siebenmal am Tag fährt der Bus, der letzte um 18.20, da kann man jeden Arztbesuch gut planen", hat Claudia Jenniges erfahren. Aber danach ist doch wieder für die Jugendlichen „Taxi Mama" angesagt.

Quelle: 
KStA-20081011-S37 (Kölner Stadt-Anzeiger)
Freigabe: 
Freigabe erteilt für BGV durch Kölner Stadt-Anzeiger mit email vom 12. August 2009