

„Em Höttche" kommt's auf fünf Minuten nicht an
Einst konnten hier die Kunden. beim Kornbrennen zuschauen
Wenn vor fünfzig oder noch mehr Jahren die alten Gladbacher Bürger mit einem kräftigen Prost auf ein neues Jahr anstießen, dann genehmigten sie sich mit Vorliebe dazu einen kräftigen. „Bergischen Korn". Und nicht selten stammte dieses Körnchen aus einem Brennstübchen, das die Jahrzehnte überdauert hat und heute als Haus und Lokal den Rang eines „Gläbbicher Originals" erreicht hat. Ihm gilt unsere Silvesterreportage.
Von Annelis Griebler
Der Opa Klee ist gerade, da und hat sich nah an den Ofen gesetzt; denn mit 78 braucht man die Wärme, sagt er. Dann zieht er eine von seinen Zigarren aus der Manteltasche und besieht sie sich vor dem Anstecken genau. Erst nach all diesen ebenso geruhsamen wie feierlichen Vorbereitungen ist es an der Zeit, Frau Selbach das Flachmännchen zum Zweck des Füllens aus dem Ton-faß mit Namen „Reiner Korn" über die Theke zu reichen. Opa Klee sitzt jetzt fast genau an der Stelle in dem kleinen Laden, wo vor fünfzig, sechzig Jahren noch der Brennofen stand. Damals gehörte das „Höttchen” dem Bechens Wilhelm, und er brannte ;eine Wochenration echten bergischen Korn hier vor den Augen der Gäste (oder Kunden, wenn man so will); so glaubte nicht nur ein jeder aus guter Erfahrung, sondern sah es auch: bester, reiner Schnaps floß hier in Fässer, Flaschen und Kehlen. Pfusch gab's nicht.
Gibt es natürlich heute auch nicht, selbst wenn sich die Regale inzwischen mit allerlei anderen Sachen noch zusätzlich, gefüllt haben: mit Wodka und Whisky, mit Likör und Weinbrand und sogar mit Sekt. Alle diese anspruchsvollen Etiketten oder manchmal sonderbar geformten Flaschen — „se wissen jo all jar nit mieh, wat se noch mache solle, die Jecke ..."
Modernes und Gutsortiertes also in jeder flüssigen Form, hat aber diesem gemütlichen, urbergischen Schnapsladen nicht seine besondere Stimmung nehmen können. Diese Stimmung ist morgens um neun schon so wie Feierabend; sie ist warm, sie hat etwasvon Geborgenheit. Sollen sie sich draußen die Köppe einschlagen, so denkt man -unwillkürlich, uns soll dat ejal sinn. Und keiner nimmt dem andern hier drin was krumm.
Der Opa Klee hat ja nun sein Fläschchen voll zurück gekriegt, aber er kann sich denn doch so schnell noch nicht trennen, zumal gerade auch Frau Bechen hereinkommt, die letzte Besitzerin des Lädchens noch aus der Gründerfamilie. Vor einem Jahr etwa hat sie sich vom Geschäft zurückgezogen und das Stehen hinter dem Ladentisch jüngeren Beinen überlassen. Immerhin aber blieb sie eine lebendige Reklame für die Güte und Kraft der bergischen Körnchen. Dann frisch und kregel erzählt sie dm Opa den neusten Witz vom Tünnes un Schäl, daß er sich vor lauter Lachen verschlucken muß.
„Em Höttche" als Haus und Lokal ist ein Gläbbicher Original, 1889 gegründet. Damals dauerte der Arbeitstag der Männer zwölf Stunden, anders kannten sie's gar nicht," erzählt der Opa, und da mußte man schon ab und zu mal einen zur Stärkung nehmen. Da kostete der Schoppen Klaren 20 Pfennig un dat Zehntelchen 7 Pfennig. Dafür kunnt me sich die Freud schon maache.
Dann war ja auch in der Nähe der Bahnhof, wo die Arbeitsleute rauf und runter, nach allen Richtungen, zur Grube und zur Industrie nach Kölle des Morgens und des Abends fuhren. Und da die Züge sich dazumal weniger nach dem Fahrplan, als nach der Gemütsverfassung des Heizers und Lokomotivführers oder aber nach den immerhin möglichen Zwischenfällen abenteuerlicher Art unterwegs — „Jupp, hes de grad de Haas jesehn, weit mag er han?" — richteten, war es für die Pendler schon ratsam, sich vor allem in. kalten Jahreszeiten mit einem Fläschelchen aus dem Höttchen zu versorgen. Viel schaden konnte der Inhalt keinesfalls, denn dazumal hatte er nicht einmal wie heute 32, sondern nur 28 Prozent.
Diejenigen Zugfahrer aber, die morgens so früh kamen, daß der Bechens Wilhelm seinen Laden noch nicht aufhatte, die legten im Vorbeigehen eben das Flachmännchen oben in die Dachrinne, genau auf den rechten Platz allerdings, versteht sich, darauf sah jeder. Und über Tag wurden sie gefüllt. Der Wilhelm wußte genau, welches wem gehörte.
Das kleine Fenster links, wenn man reinkommt ins Lädchen, da hielten früher die eiligen Leute an — denn auch die soll es zu allen Zeiten gegeben haben — Fuhrleute mit ungeduldigen Pferden oder Väter mit quengeligen Plagen. Sie erhielten ihr Quantum auf die Schnelle herausgereicht. Und so brauchte wahrhaftig keiner zu frieren.
Die alte Uhr aber, die über den vielen Etiketten im Höttchen an der Wand geruhsam ihren Pendel schwingt— die war auch vor 70 Jahren schon dabei. Damals kaufte sie der frisch gebackene Brennereibesitzer für fünfzig Pfennig auf einer Versteigerung. Sie hat seither noch niemals richtig schlappgemacht. Und wenn zwischendurch mal einer auf die Idee kam, das alte Monstrum vielleicht doch besser durch eine moderne, schicke Uhr zu ersetzen —dann hatte er die Rechnung ohne die alten Höttchen-Kunden gemacht. Denen gälte ihr Stammladen ohne die unermüdliche Bim-Bam nur noch knapp die Hälfte. Und wenn sie auch mal vorgeht, fünf Minuten, oder nach ..., so genau kommt es auf die Minute „Em Höttche" nicht an.
WIE VOR 50 JAHREN: Korn aus dein Tonfall. Aber: getrunken wird draußen.
ÜBER DER THEKE, an der nur 'verkauft, aber nicht getrunken werden darf, hängen die Etiketten vieler Marken und eine alte Uhr, die schon vor 70 Jahren bei der Gründung dabei war. Frau Bechen, die letzte Besitzerin aus der Gründerfamilie (links) hat sich vor einem Jahr aus dem Geschäft zurückgezogen.