
Samstag wird der Straßentunnel für den Verkehr freigegeben 466 Meter lang und 51,5 Millionen Mark teuer
Blechlawine rollt bald unterirdisch
Fest für Fußgänger auf der Fahrbahn
Von unserem Redakteur Wilhelm Becker
Bergisch Gladbach — Am Samstag, 8. September, um 17 Uhr, wird der 466 Meter lange und 51,5 Millionen Mark teure Straßentunnel unter Güter- und S-Bahnhof her für den Verkehr freigegeben. Planer und Auftraggeber, Politiker und Bürger hoffen, daß dieses Datum als der Tag in die Stadtgeschichte eingehen möge, an dem der gordische Knoten der innerstädtischen Gladbacher Verkehrsprobleme mit einem Schlag gelöst wurde. Ob das Millionenprojekt solche Erwartungen erfüllen wird oder ob nicht die Verkehrsentwicklung das Planungsziel zum Teil überrollt hat, obwohl die veranschlagte Bauzeit von viereinhalb Jahren um zwei Jahre unterschritten wurde, wird sich in den nächsten Monaten erweisen.
Zunächst einmal herrscht im Gladbacher Zentrum eitel Freude, kann doch mit der Fertigstellung und Inbetriebnahme des Straßentunnels der Nord-SüdVerkehr am Konrad-AdenauerPlatz vorbei (aus Richtung Bensberg in Richtung Paffrath und umgekehrt) unterbunden werden. Endlich kann nun auch der zentrale Platz vor dem Rathaus neu gestaltet werden. Die Fußgängerzonen auf unterer und oberer Hauptstraße werden nicht mehr durch den Verkehrsstrom mit Ampelregelung zerschnitten.
Mit einem Fest wird die Tunnelöffnung gefeiert. Bevor der Tunnel ab Samstag, 17 Uhr, nur noch von Fahrzeugen benutzt werden darf — beidseitig sind auch Radwege angelegt —, dürfen dort am 8. September die Bürger zu Fuß flanieren und das unterirdische Bauwerk mit seinen vielen Finessen in Augenschein nehmen. Von 10 bis 12 Uhr spielt im Tunnel das Orchester Bergisch Gladbach unter Leitung von Poldi Risch zur Unterhaltung auf. Um 11 Uhr wird die Millionenröhre offiziell ihrer Bestimmung übergeben; daran schließt sich ein Empfang für geladene Gäste im Spiegelsaal des Bürgerhauses Bergischer Löwe an. Bis 16 Uhr kann das Bauwerk einschließlich einer Baudokumentation besichtigt werden. Es gibt, allerdings nicht unentgeltlich, Speisen und Getränke. Danach werden die Festutensilien abgeräumt, und ab 17 Uhr hat der Fußgänger im Tunnel nichts mehr zu suchen. Von diesem Augenblick an soll dort möglichst reibungslos der größte Teil des Fahrzeugverkehrs durchfließen, der bisher über den Verkehrsknoten aus L 286 (Ost-West-Richtung) und L288 (Nord-Süd-Richtung) abgewickelt wurde und der bereits vor Jahren den Bau der inneren Ost-West-Umgehung (Straßenzug An der Gohrsmühle/Schnabelsmühle) erforderlich machte.
Die Tunnelplaner waren sich darüber im klaren, daß der neue Engpaß mit einer jeweils einspurigen Fahrbahn in beiden Richtungen neue Probleme aufwerfen muß, wenn er nicht reibungslos funktioniert. Maximal 1800 Fahrzeuge sollen pro Stunde den Tunnel passieren können. Sowohl Stadtdirektor Otto Fell als auch besonders Jürgen Kurz, Leiter des Tiefbauamts, und der städtische Bauleiter Günter Käckel verwiesen gestern bei einer Besichtigung für Pressevertreter auf die umfangreichen Sicherheits- und Vorsorgemaßnahmen, die dort verwirklicht wurden: zwei „Pannenbuchten", damit der fließende Verkehr durch liegengebliebene Fahrzeuge nur kurzzeitig unterbrochen wird, Gegensprechanlagen sowohl zur Polizei als auch zur Feuerwehr mit dem Rettungsdienst, acht Feuerlöschkästen mit Feuermeldern und unter anderem mehrere leistungsstarke — laut Tiefbauamtsleiter Kurz „bewußt überdimensionierte" — Ventilationssysteme, die sich je nach Grad der Luftverschmutzung durch Motorabgase und je nach Windstärke im Tunnel stärker oder schwächer einschalten, um für Frischluft zu sorgen.
Ein unterirdisches „Betriebsgebäude" mit elektrischer Schaltzentrale wurde — für den Tunnelbenutzer unsichtbar —am tiefsten Punkt, rund elf Meter unter der Erdoberfläche, neben der Fahrbahn gebaut. Von dort aus, in Höhe des Zollamts an der Hauptstraße, führen 55 Stufen zu einem Notausgang an die Erdoberfläche. Unter dem elektrischen Gehirn des Steuerungs- und Sicherungssystems — auch Notstromaggregate und Abwasserpumpen werden dort bei Bedarf automatisch eingeschaltet — liegt 14,5 Meter unter der Oberfläche ein Regenrückhaltebecken mit einem normalen Fassungsvermögen von 200, in Extremsituationen gar von 300 Kubikmetern Wasser. Eine Fahrbahnüberschwemmung am tiefsten Punkt des Tunnels dürfe espraktisch nicht geben, meinte gestern Bauleiter Käckel, sonst wäre die elektrische Zentrale des Tunnels akut gefährdet, würde unter Umständen gar funktionsunfähig.
Die Tunneltiefe bis auf elf. Meter unter der Erdoberfläche , im Bereich der Hauptstraße war erforderlich, weil der Abwasserhauptsammler in der Hauptstraße über dem Tunnel liegt, Regenwasser aus dem Rückhaltebecken unter dem Betriebsgebäude muß also in den Kanal hochgepumpt werden.
Besonders stolz sind städtische Bauleitung und die Experten der Baufirma Hochtief, daß die geplante Bauzeit erheblichunterschritten wurde, obwohl während der Bauausführung technische Neuerungen im Tunnelbau, beispielsweise bei der Abdichtung zum Untergrund hin und zum Korrosionsschutz der Stahlarmierung in den Betonwänden, zu baulichen und damit auch zu vertragliche Änderungen führten. So teuer der neue Straßentunnel auch sein möge, meinte gestern Stadtdirektor Fell, durch jene Planung habe die von niemandem geliebte Planung einer „Stelzenstraße" mitten durch die Innenstadt zu den Akten gelegt werden können, und der Tunnelfertigstellung werde nun endlich der Konrad-Adenauer-Platz „von der Blechlawine befreit".
SOS-NOTRUFSÄULEN gehören mit zur umfangreichen Sicherheitsausstattung des neuen Straßentunnels.
ÜBER SENSOREN PASST sich die Helligkeit der Tunnellampen dem Tageslicht an, damit der Verkehrsteilnehmer beim Verlassen der Röhre nicht geblendet wird und sich tagsüber das Einschalten von Fahrzeugscheinwerfern erübrigt. Bilder: Günter Möllinghoff
55 STUFEN KLETTERTE Stadtdirektor Otto Fell (2.v.r.) hoch, um am Zollamt den Tunnel über einen Notausgang zu verlassen.